Gerhard Finckh über Wuppertaler Meisterwerke

Wuppertaler Meisterwerke : Mehr formale Kraft und malerische Dichte als je zuvor

Paula Modersohn-Beckers „Stillleben mit Rhododendron“ ist zurzeit im Von der Heydt-Museum zu sehen.

Für die Entwicklung der Stilllebenmalerei bei Paula Modersohn-Becker (1876-1907) bedeutete das Jahr 1905 einen Höhepunkt. Auch unser beeindruckendes „Stillleben mit Rhododendron“ entstand um 1905. Es gehört zu einer in rascher Folge gemalten Reihe großformatiger Werke, die an formaler Kraft und malerischer Dichte das vorher Erreichte weit übertreffen. Aus einer leichten Aufsicht gesehen, holte Modersohn-Becker die wenigen einfachen Gegenstände nah heran: Den Blumentopf mit dem kühn angeschnittenen Rhododendronbusch und links daneben den metallenen Leuchter mit der erloschenen Kerze, die sich wie alle Motive von dem in schweren Falten drapierten, weißen Tischtuch wirkungsvoll abheben.

Das neu erwachte Interesse an Stillleben ist auch auf Modersohn-Beckers dritten Aufenthalt 1905 in Paris zurückzuführen, bei dem sie in der berühmten Avantgarde-Galerie Ambroise Vollard Werke von Cézanne gesehen hatte. Von dessen Einfluss zeugt, neben dem radikalen Bildausschnitt, den einfachen Motiven und den intensiven Farben, vor allem der Versuch, mit den einzelnen Objekten eine Konstellation zu schaffen, deren Flächigkeit in überzeugendem Zusammenhang mit dem gesamten Ensemble steht.

Insgesamt hielt sich Paula Modersohn-Becker vier Mal für längere Zeit in Paris auf. Sie studierte an der privaten Akademie Colarossi, der Akademie Julian und belegte Anatomie- und Aktkurse an der Ecole des Beaux-Arts. Vor allem aber besuchte sie Museen, Ausstellungen und zahlreiche Künstlerateliers. Insgesamt verbrachte sie fast zwei Jahre in der Kunst-Metropole Paris. Sie kehrte jedoch immer wieder zu ihrem Mann, dem Maler Otto Modersohn, in das beschauliche Künstlerdorf Worpswede zurück.

Erste Anerkennung erhielt Paula Modersohn-Becker erst Jahre nach ihrem frühen Tod. Einer, der das Werk Paula Modersohn-Beckers früh schätzen lernte, war August von der Heydt. Bereits 1909, zwei Jahre nach ihrem Tod, erwarb der Bankier und Kunstmäzen durch Vermittlung von Bernhard Hoetger sein erstes Gemälde von ihr: dieses „Stillleben mit Rhododendron“. Er richtete auch eine der ersten Ausstellungen mit Bildern von Paula Modersohn-Becker aus – in seinem Privathaus am Kerstenplatz, das im Krieg leider zerstört wurde und mit ihm zahlreiche Bilder. Heute besitzt das Von der Heydt-Museum 22 ihrer Gemälde, zumeist aus der späten und reifen Zeit der Malerin. Sie bilden den Grundstock unserer jetzigen Ausstellung.

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