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Gehaltvollste Produktion der Spielzeit

Gehaltvollste Produktion der Spielzeit

Das Sinfonieorchester glänzte in der Johannespassion mit historischer Spielweise, auch der Chor der Bühnen überzeugte.

Schon zu Jesu Zeiten war der Nahe Osten ein Unruheherd, ein Besatzungsgebiet. 70 n. Chr. wurde schließlich der Tempel der Juden in Jerusalem von den Römern zerstört, das Volk Israels in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Also kam Regisseur Philipp Harnoncourt auf die Idee, die Geschichte der Johannes-Passion in der Vertonung von Johann Sebastian Bach mit Bezügen zu dieser heutigen Konfliktzone zu inszenieren. Karfreitag ist passend zu diesem Oratorium in diesem Jahr zwar schon längst vorbei. Doch nun, zu Pfingsten, feierte im bei weitem nicht ausverkauften Opernhaus diese schlüssige Sichtweise eine mit Bravi honorierte Premiere.

Alles findet auf und um einen großen Sandkasten (Bühne und Kostüme: Wilfried Buchholz) statt, dessen Dreck an verbrannte Erde gemahnt. Es spielt sich ein Vielvölker-Szenario ab mit Flüchtlingen aus dem Vorderen Orient, religiösen Gruppierungen in der dem heutigen Zeitgeist entsprechenden Kleidung.

Dazu ist im ersten Teil eine von Kriegsschäden gezeichnete Stadt Vorderasiens an die Wand projiziert. Das Verhör des Pilatus findet auf und unter einer Rampe statt. Jesus ist entpersonifiziert, seine Rolle auf Solisten, Choristen und Statisten verteilt. Sein Leiden spiegelt sich somit in den schrecklichen Erfahrungen von Flüchtlingen und Religionskonflikten wider.

Folgerichtig findet die Geißelung Jesu an vier Personen statt, die zu Folter und menschenunwürdigen Verhörmethoden mutiert und die so Gedemütigten dann auch noch als „Drogendealer“, „Integrationsverweigerer“, „Scheinasylanten“ und „Islamist“ an den Pranger gestellt werden.

Ein Bruch in der Inszenierung ist nur anstelle einer Predigt nach dem ersten Teil die Ansprache von Roland Stolte, der sein Berliner Projekt „House Of One“ vorstellt und von einem friedlichen Zusammenleben aller Religionen träumt.

Bachs Musik ist dem Bühnengeschehen angepasst, der heute übliche Ablauf leicht verändert. Der mit wenigen Stimmen besetzte Schlusschor kommt als Begleitung mit nur einer Theorbe aus. Das ist legitim, da von Bach keine finale Fas-sung verbürgt ist. Dirigent Jörg Halubek, der auch das Cembalo bediente, führte Sänger und Instrumentalisten umsichtig durch die zuweilen nicht leicht ausführbaren Noten. Das Sinfonieorchester Wuppertal glänzte mit einer erstklassigen historischen Spielweise. Der Chor der Wuppertaler Bühnen (Einstudierung: Jens Bingert) überzeugte trotz einiger Wackler bei verzwickten Einsätzen mit beweglichen Gesängen — diese Präsentation der Johannes-Passion ist gewiss die stringenteste und gehaltvollste Produktion des Wuppertaler Musiktheaters in dieser Spielzeit.