Frühlingsgefühle: Die Maler im Museum bekennen Farbe

Frühlingsgefühle: Die Maler im Museum bekennen Farbe

Frühlingserwachen im Von der Heydt-Museum: Mackes „Gartenhäuschen in Tegernsee“ spiegelt den Auf- und Umbruch.

Elberfeld. Wenn Künstler Frühlingsgefühle haben, bekennen sie Farbe. So gibt August Macke (1887-1914) ein klares Signal: Grün ist die Hoffnung auf das, was kommen mag. Das „Gartenhäuschen in Tegernsee“, das der Expressionist 1910 malerisch in Szene setzte, ist nicht nur von frischem Grün umrahmt, die Tür zur Laube steht auch noch einladend offen. Ideale Voraussetzungen also, um den Lenz zu begrüßen.

„Das Schatzhaus“ macht es möglich: Das passende Gemälde zum Start in den Frühling ist im Von der Heydt-Museum zu finden — länger sogar, als der Frühling eigentlich dauert. Bis zum 7. August steht Mackes Gartenhäuschen am Turmhof — als farbenfroher Baustein der „Schatzhaus“-Ausstellung, die Werke verschiedener Künstler vereint.

Darunter dürften zahlreiche Frühlingsboten sein — könnte man meinen und liegt mit dieser Einschätzung doch gänzlich falsch. Richtig ist, dass der Beliebtheitsgrad der einzelnen Jahreszeiten deutlich variiert.

Kühle Winterbilder, erklärt Museumsmitarbeiterin Beate Eickhoff, gehören zu den Werken, die sich Auftraggeber und Käufer eher selten ins eigene Wohnzimmer hängen möchten. Üppig blühende Blumen, die das pralle Leben symbolisieren, stehen hingegen hoch im Kurs. So gilt ganz allgemein in der Kunstgeschichte wie auch speziell im Von der Heydt-Museum: „Es gibt deutlich mehr Sommer- als Frühlingsbilder.“ Dazwischen existiert jedoch eine Grauzone, wie Eickhoff weiß. Denn die Übergänge sind fließend. Während der Kalender die Jahreszeiten klar voneinander abgrenzt, reicht ein hastiger Blick auf einzelne Kunstwerke mitunter nicht aus, um zu erahnen, welche saisonalen Besonderheiten den jeweiligen Maler nun inspiriert haben: Ist noch Frühling, oder naht bereits der Sommer?

Während eine Picknick-Idylle mit jungen Mädchen im kurzen Blümchenkleid schnell als Sommermotiv definiert werden kann, braucht es im Einzelfall mehr Assoziationstalent, um den Frühling, in dem vieles im Umbruch ist, auf die Leinwand zu bannen.

Macke ist da keine Ausnahme, sondern ein Paradebeispiel: Dass im Gartenhäuschen schon ein Stuhl bereitsteht, aber (noch) niemand darauf Platz genommen hat, ist ein Zeichen, wie Eickhoff vermutet. „Es ist vermutlich noch zu kalt, um im Garten zu sitzen. Aber das Grün signalisiert: Der Frühling kommt.“

Er vereint am Ende auch Expressionisten mit Impressionisten. Vor allem die französischen Landschaftsmaler aus der Schule von Barbizon lechzen dem Lenz entgegen, sehnen den Sommer herbei und bekennen — so oder so — Farbe. Woran der Frühling im Bilderrahmen zu erkennen ist? „An Farbe und Motiv“, sagt Eickhoff. „Wichtig für ein Frühlingsbild ist, dass es Frische vermittelt.“ Mit anderen Worten: Wer ein Pferdegespann entdeckt, mit dem Bauern einsäen und nicht etwa ernten, junge Mädchen erspäht, die symbolisch im Frühling ihres Lebens stehen, oder Bäume erblickt, die sich nach dem dunklen Winter über jeden Sonnenstrahl freuen, aber noch nicht in voller Blüte stehen, kann getrost annehmen, dass Frühjahr ist — zumindest auf der Leinwand.

Dass Sommerblumen und Strandszenen in der Kunstgeschichte weitaus häufiger zu finden sind als kühlere Motive, hat nicht zuletzt mit den Vorlieben der Kundschaft zu tun, wie auch die kommende Alfred-Sisley Ausstellung zeigen wird, die am 13. September in Elberfeld eröffnet wird. Denn Frühlingsgefühle können auch auf einer gewissen Berechnung basieren.

„Sisley hatte nicht viel Erfolg mit seinen Bildern“, erklärt Eickhoff. „Ein Galerist riet ihm, er solle doch besser helle, kleine Bilder malen — statt der großen, dunklen, die oft den Winter zeigten.“ So ließ sich Sisley von den Gesetzen des Kunstmarkts leiten. Der große Erfolg, jedenfalls zu Lebzeiten, blieb dennoch aus. Trotzdem oder gerade deshalb soll der Pariser in Wuppertal gefeiert werden: Mit Hochdruck arbeitet Museumsdirektor Gerhard Finckh an der ersten großen Sisley-Einzelausstellung in Deutschland.

Bis dahin zieht August Macke die Blicke auf seine Laube. Wer sich vom frischen Grün leiten lassen will und den Frühling schon jetzt — noch vor dem kalendarischen Beginn am Montag — begrüßen möchte, kann „Das Schatzhaus“ heute und morgen von 11 bis 18 Uhr besuchen.

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