Kolumne : Stören für ein Miteinander

Kunst stört, bewegt, regt an und vermag es, Menschen – ob unerwartet oder geplant – aus den alltäglichen Gewohnheiten zu reißen.

Warum liegt mir und anderen Kunst so am Herzen? Warum sind Kunst und Kultur schlicht wichtig und relevant? Und warum wird zugleich ihre Systemrelevanz – mehr als je zuvor – in Frage gestellt? Ganz einfach: Kunst stört, bewegt, regt an und vermag es, Menschen – ob unerwartet oder geplant – aus den alltäglichen Gewohnheiten zu reißen. Sie lädt zum Nach- und Umdenken ein, öffnet neue Wege und sensibilisiert uns für die uns alle betreffende gesellschaftliche Zukunft. Klar, Abstand halten ist in Covid-Zeiten unausweichlich: physisch und sozial. Gerade hier scheint Kunst gefragt, denn sie vermag zu berühren: „To touch and to be touched.“

Meine Sehnsucht nach Analogem und physischer Präsenz stillt sich momentan eher draußen in der Natur oder eben zuhause. Parallel laden die digitalen Medien zu einem virtuellen Nomadentum ein, eine mitunter spannende Reise, auch wenn sie weniger vermag, emotional tiefe Erfahrungen auszulösen. „Under Construction“ ging am Sonntag zu Ende, das digitale Festival im zukünftigen Pina Bausch Zentrum. Über 1000 Zuschauer verfolgten zu Beginn die Tanztheater-Produktion „das Schiff ist das Schiff … das Stück mit dem Schiff goes digital“, die auf die Vorderseite des alten Schauspielhauses projiziert und als Mix digital gestreamt wurde.

Das umfangreiche zehntägige Under Construction-Programm aus Workshops, Gesprächen, künstlerischen Skizzen, Plänen und Wünschen für das Pina Bausch Zentrum war abwechslungsreich. Digital wurde es leider nur spärlich verfolgt: Es lohnt sich, die Mediathek noch zu erkunden. „Wir bauen zusammen ein Haus“ ist am Schauspielhaus zu lesen, als erstes kreatives Zeichen für eine offene Gemeinschaft, die hier entsteht. Auch der 90-minütige Film „Büro für künstlerische Praxis“ via Freies Netzwerk Kultur hat dazu beigetragen. Innerhalb von kurzer Zeit ist er aus filmischen Beiträgen von inspirierten Kunstschaffenden entstanden: Hier kamen die eigene Kunst, Träume, improvisierte Szenen und Anregungen zusammen, auf denen ein zukünftiges Pina Bausch Zentrum aufbauen kann.

Doch wie kann Teilhabe in berührungsarmen Zeiten wahrhaft entstehen? Ein Stören fürs Miteinander kann weiterhelfen. Ein Stören? So wie am letzten Freitag, als Künstler hinterfragten, warum die von China gestiftete Engelsstatue monumental im Engelsgarten steht, während Friedrich Engels heute wohl in Hongkong verhaftet werden würde. Oder wie mit der Mobilen Oase Oberbarmen, die mit einem rosafarbenen Gefährt, einem Ufo gleich mit skurrilen Drähten ausgestattet, einer Art Störsender, ihre frisch gedruckte Zeitung „Über Arbeit“ am Berliner Platz verteilt und einlädt, eigene Botschaften an Friedrich Engels zu schreiben. Und auch, wie jüngst in der Nachbarstadt Bochum, wenn Künstlerinnen, Künstler, einzeln oder zu zweit, mit der Aktion „Fenster auf!“ mit Musik, Gesang, Theater durch die Stadt ziehen, um das vor die Fenster zu tragen, was allen fehlt. Auch dann, wenn hier Kunst-Schaufenster aufleuchten oder wenn Kunstschaffende sich zusammentun, um Politik mitzugestalten und Mitsprache, also Sitze im Kulturausschuss fordern.

Aus einem Stören kann Kommunikation, Teilhabe, Gemeinschaft entstehen. Doch Stören ist nicht nur Kunstschaffenden vorbehalten: Wir laden Sie, Leserinnen und Leser, zum konstruktiven Stören ein. Kommentare, Anregungen, Ideen und Hinweise zu unserer Kolumne sind willkommen. Wir freuen uns und sind gespannt, was miteinander weiter entstehen kann.

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