Freie Kultur Wuppertal: Der Wandel geschieht im Dazwischen

Uta Atzpodien vom Freien Netzwerk Kultur blickt zurück auf das vergangene Jahr.

Zwischen den Jahren, dem ausklingenden 2018er und im noch jungen, gerade beginnenden Jahr 2019 begleitet uns trübes und regnerisches Wetter. In einem dunklen Ölberger Treppenhaus begegnete mir Mitte letzter Woche der Maler Bernd Bähner. Seit vielen Jahren hat er einen Atelierladen auf der Marienstraße und organisiert vierteljährlich den Ölberger Kunstmarkt auf dem Otto-Böhne-Platz. Inspiriert und charmant weise erklärte er: „Diese Tage sind ganz besonders. Sie sind irgendwie zeitlos.“

Damit spielte er auf die alte heidnische Tradition der Rauhnächte an, die am 21. Dezember beginnen und bis zum 6. Januar dauern. Sie stehen für eine Zeit, in der nicht oder im herkömmlichen Sinn weniger gearbeitet wird. Viele nutzen sie, um Zeit mit der Familie zu verbringen, einfach mal Luft zu holen und wenig zu tun, das Jahr Revue passieren zu lassen und sich auf alles Neue einzustimmen. Andere verbinden sie aktiv mit Ritualen, räuchern die Wohnungen, meditieren und nutzen die Zeit, um den Keller zu entrümpeln oder sich über das „Magic cleaning“ der Japanerin Marie Kondo auszutauschen.

Mir gefällt sie, diese Zeit des Rückzugs. Sie lädt dazu ein, den Trubel der Ereignisse sacken und wirken zu lassen, sie zu verdauen. Was war los im letzten Jahr? Für das Freie Netzwerk Kultur gehörten „Kunst und Transformation“, „Kunst trifft Wirtschaft“ und auch das Engagement für das Pina Bausch Zentrum dazu, für das der Rat kürzlich im Dezember abgestimmt hat. Die Diskussion um die Tanztheater-Leitung hat in den häufig wenig durchschaubaren Varianten viele verunsichert. Für alle und alles gilt, dass Kommunikation und ein konstruktives und nachhaltiges Weitergehen schlicht weiterhelfen. Der Wandel geschieht im Dazwischen, so erinnere ich an Reiner Kaufmann, einen Kunstaktivisten vom „Gelben Haus“ in Recklinghausen, der kürzlich Kontakt zum Freien Netzwerk Kultur aufnahm und betonte, dass Transformation in Zwischenräumen geschehe und gute Politik brauche. Er bereitet ein Symposium für Anfang Februar zur „Wandel@Kunst“ in der Kunsthalle in Recklinghausen vor. Uwe Schneidewind wird hier das Buch vom Wuppertal Institut zur „Zukunftskunst“ vorstellen, „Die große Transformation“. Das Symposium soll zum Experimentierfeld für das Visionäre und Imaginäre in der Stadt werden.

Zurück zum Verdauen, das mich an meine 90er Jahre im inspirierenden Brasilien erinnert. Der brasilianische Modernist Oswald de Andrade verfasste in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts das provokative und selbstbewusste „Antropophagistische Manifest“. Künstler nehmen Anregungen auf, wie die Nahrung, verdauen sie, um dann daraus das Eigene zu erschaffen. Performativ machen sie greifbar, welchen zentralen und reflexiven Wert Kunst und Kultur für gesellschaftliche Prozesse spielen. Umso alarmierender ist es, vor welchen Herausforderungen wir alle mit dem Rechtsruck stehen. Das betrifft nicht nur die Brasilianer und Brasilianerinnen mit dem Wahlsieg von Bolsonaro, der gegen Künstler und Künstlerinnen hetzt und das Kulturministerium abschaffen will, sondern die ganze Welt.

Umso wichtiger ist es, zusammenzuhalten. Der Künstlerzusammenschluss „Die Vielen“ zeugt davon. Aus Brasilien bekomme ich an Neujahr den „Samba da Utopia“ geschickt, der klingend, singend an die Bedeutung des Wortes, der Poesie, der Rebellion und der Utopie appelliert. Wie von selbst, verbinden sich auf beiden Seiten des Ozeans Kunst, Wandel und Utopie in dieser zeitlosen Zeit zwischen einem Jahr und allem Neuem. Weiter geht’s!

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