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Frank N und Birgit Pardun verwandelten Wuppertaler Plakatwände in Kunstlocations.

Out and about : Neue Wege für die Kunst

Der Fotograf und Filmemacher Frank N und die Künstlerin Birgit Pardun organisierten während des ersten Lockdown der Coronakrise das Projekt „Out and about“ und verwandelten Wuppertaler Plakatwände in Kunstlocations.

Nach insgesamt sieben Runden ist die temporäre Galerie auch heute nicht wirklich geschlossen.

Manche Dinge enden nie so ganz. Und das hat weniger damit zu tun, dass es bislang keine Finissage für „Out and about – Kunst geht raus“ gegeben hat. Aber, so Frank N, „die Institution ‚Out and about’ bleibt, während die Ausstellung ‚Kunst geht raus’ abgeschlossen ist“.

Hinter der temporären Schau steckt etwas, das größer ist, keinen Schlusspunkt akzeptiert, das ihre Initiatoren Frank N und Birgit Pardun auch nach ihrer (vorerst) letzten Runde weiter beschäftigt. Was wiederum wunderbar zum Auslöser Coronakrise passt. Die (bislang) kein Ende kennt, alles in Frage stellt. Gerade den zweiten Lockdown erzwingt. Der Wuppertaler Fotograf und Filmemacher nimmt die Herausforderung sportlich: „Dann fangen wir eben wieder von vorne an.“ Was man dem 59-Jährigen durchaus glauben darf.

Kunst auf Plakaten im öffentlichen Raum gibt es überall auf der Welt, in Los Angeles genauso wie in Bielefeld, wo die „Plakartive“ im Zweijahresrhythmus Kunst und Betrachter ohne räumliche Begrenzung direkt aufeinandertreffen lässt.

Eine Idee, die Frank N schon lange reizte, die Coronakrise ließ ihn im April zur Tat schreiten. „Ich dachte: Wann, wenn nicht jetzt? Die Kunst ist ja nicht weg, sie wird immer da sein.“ Und geht zu den Menschen, wenn die nicht zu ihr kommen dürfen. Der Außenwerbungsvermarkter Ströer wurde sein Partner: Er stellte einige unbespielte Plakatwände kostenlos zur Verfügung, auf denen in „normalen“ Zeiten für Kunstveranstaltungen geworben wird.

Einen schnellen Testballon wollte der Filmemacher starten, „ich wusste ja nicht, wie lange der Lockdown andauern würde“, erinnert er. Während Birgit Pardun direkt groß raus und die Stadt mit Kunstplakaten überschwemmen wollte. „Eine Demonstration, dass wir viele sind, keine Kommerzaktion und zugleich eine durch eine harte Kommerzfirma ermöglichte“, merkt sie spitzbübisch an.

Man einigte sich auf eine kleine, rasch zu koordinierende Gruppe, schritt als Quartett, zusammen mit der Malerin Sabine Bohn sowie dem Fotokünstler Andreas Komotzki, ans Werk. Sieben Runden mit zeitweise hundert Künstlern und 171 Arbeiten sowie einer Woche lang 24/7-Beschäftigung später ist das Projekt ausgeklungen. Wenn auch bis heute noch sicher um die zehn Kunst-Plakate in der Stadt verteilt hängen.

Der erste Lockdown war wie „eins auf die Nase, ein Schock“, erinnert die Malerin. Aber schon im Juli habe sich eine „komische Normalität“ breitgemacht, überall sei die Werbung an die Plakatwände zurückgekehrt. „So ist die Welt, der Kommerz frisst alles weg“, sagt die 54-Jährige und leise Resignation klingt in ihrer Stimme mit.

In der Menge, zumal wenn sich an manchen Orten wie unter der Legobrücke Cluster bildeten, hätten die Bilder ganz anders gewirkt. Ein eindrucksvolles politisches Statement sei das dann gewesen mit in der Spitze 171 Kunstplakaten. Viele kleine Menschen machen viele kleine Dinge und verändern die Welt, laute ein Zitat aus Afrika, ergänzt Frank N: „Ich denke, dass wir das eine oder andere angestoßen haben.“

Erfolg lässt sich nicht nur finanziell bemessen – obgleich „Out and about“ auch hier mit rund 6500 Euro, die an den Solidarfonds „EinTopf“ gingen, erfolgreich ist. Vor allem aber ist da der ideelle Wert, den der Vorbeigehende mitnahm, dessen Blick für einen Moment irritiert war, hängen blieb, ohne dass andere das bemerkten.

Und da sind die vielen Rückmeldungen, aus Wuppertal und aus ganz Deutschland, von der Künstlergruppe aus München bis zur Anfrage aus Velbert, die das Projekt nachmachen wollen. „Die Rezeption war grandios und sehr persönlich“, freut sich Frank N. Besonders gefreut hat ihn der Kommentar von R. M. E. Streuff, der wie eine Art Ritterschlag war: „Super, es ist, als wäre Peter Kowald wieder auferstanden“, zitiert Frank N. Birgit Pardun wiederum hebt den Zusammenschluss der Künstler, den Solidargedanken hervor, der alle vereinte.

 Und nun? Sicher sei die Arbeitsgrundlage vieler Kunstschaffender durch Coronakrise und Lockdown genommen, „Aber wir sind doch das Gegenbeispiel“, sagt Frank N energisch, kritisiert zugleich die Schutzauflagen der Politiker, die manchmal unlogisch und komisch wirken. Und Birgit Pardun erinnert an die traditionelle Aufgabe der bildenden Kunst, die darin bestehe die Gesellschaft und ihre Missstände zu spiegeln, die Sehgewohnheiten der Menschen zu durchbrechen.

Vielleicht sei diese Aufgabe in der Krise umso dringlicher, vielleicht müssten neue Wege wie der ihrer Aktion gesucht werden, weil manche (im Lockdown) verschlossen seien. Dinge, die den Menschen auf sich selbst und aufs Miteinander lenken, auf die Fragen „wer bin ich und wie kann ich doch noch den Austausch, das Soziale hinkriegen.“

„Wenn normale Wege geblockt werden, hilft Jammern nicht. Wir müssen kreativ sein und überlegen, wie wir unsere Kunst eben jetzt präsentieren“, fordert Frank N. Neue Ausstellungsräume müssten erschlossen werden, auch draußen, für Kunst im öffentlichen Raum eben.

Die Schwebebahn sei ein möglicher Ort, an einigen Bahnhöfen hingen aktuell noch Kunstplakate. Eine Idee, die Frank N auch schon mal mit Ströer angedacht hatte, die aber an organisatorischen Gründen scheiterte. Eine andere Idee mit einem anderen Partner dagegen, über die jetzt noch nichts verraten werden soll, soll 2021 Wirklichkeit werden. Die digitale Welt dagegen biete keinen Ausweg, Kunst nur noch als Streaming-Angebot sei keine Lösung, meinen die Künstler, wohl aber für die Kommunikation nutzbar.

Ansonsten bleiben das Buch, das Frank N derzeit über „Out and about“ erarbeitet, das all das festhält, was seit April geschah, und im ersten Quartal 2021 auf den Markt kommen soll. Und natürlich das Projekt selbst – Ströer sei da sehr offen, erzählt Frank N, denkt aber an ein anderes, kleineres und selektiveres Konzept, keine einfache Fortsetzung. „Es gibt genug zu tun.“