Wuppertal: Fortschrott begeistert bei Talflimmern alte und neue Fans

Wuppertal : Fortschrott begeistert bei Talflimmern alte und neue Fans

Das legendäre Quintett sorgt für einen ausverkauften Auftakt des Open-Air-Kinos Talflimmern in der Alten Feuerwache.

Wuppertal. Legendär war dieses Konzert schon vor dem ersten Ton: So lange - seit 1977 - gibt es Fortschrott schon, so selten treten sie in der vollständigen Originalbesetzung auf. Am Freitag haben sie es doch getan: Zum Auftakt des diesjährigen Open-Air-Kinos Talflimmern spielten Rudi Rhode, Uli Klan, André Enthöfer, Wolfgang Suchner und Thomas Lensing im Innenhof der Alten Feuerwache an der Gathe.

Der Nimbus der Band ist riesig. Viele erinnern sich noch an frühere Auftritte und vor allem an diesen TV-Auftritt 1988 im ZDF. Wuppertal trat mit drei weiteren Städten zum Wettbewerb um den Titel einer Kulturstadt an. Neben Peter Kowald und anderen sollte auch Fortschrott als kulturelles Aushängeschild der Stadt dienen - die Musiker waren aber erst 1982 bei einem Auftritt in der Herzogstraße von der Polizei verhaftet und erkennungsdienstlich behandelt worden. Statt im Fernsehen Musik abzuliefern, haben Rhode, Klan & Co. lieber darüber und über den schlechten Zustand der Kultur in Wuppertal gesprochen — und beim ZDF war man so perplex, dass man das gute vier Minuten lang live über den Sender gehen ließ. „Das lag auch an Horst Tappert, der uns angesagt hat“, erinnert sich Klan. „Der fand uns richtig gut.“

Der Andrang in der Alten Feuerwache war entsprechend: „Die Veranstaltung war bereits knapp eine Woche vorher beinahe ausverkauft. Wir hätten vermutlich 500 Tickets absetzen können. Niemals zuvor war das Interesse am musikalischen Teil eines Talflimmern-Auftakts so groß“, sagt Mark Tykwer, der mit seinem Geschäftspartner Mark Rieder das Filmfestval zum 19. Mal veranstaltet.

Die Musik von Fortschrott aktiviert unmittelbar den Wippmechanismus in den Beinen. Die Texte haben gelegentlich einen nostalgischen Touch — „dieses Lied ist so alt wie die Combo“, sagt Uli Klan denn auch, bevor er zu „Es wird Nacht über Deutschland“ anhebt. Doch weil die Musik und die Texte mit ihrem Biss und Humor einfach gut sind, trägt der politische Impetus auch heute noch — für Frieden und Lebenslust, gegen Atomkraft und Umweltverschmutzung. „Das war wirklich ein rares Ereignis“, resümiert Tykwer. Das wird es auch bleiben.

Uli Klan könnte sich wohl weitere Auftritte vorstellen: „Wie Phoenix aus der Asche - warum nicht?“ Doch Rhode stellt klar: „Für mich war das eine einmalige Sache.“ Mitgemacht habe er vor allem aus Verbundenheit zur Alten Feuerwache, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiert - „hier sind wir wirklich oft aufgetreten“.

Bis zum 21. August zeigt Talflimmern 27 Filme auf der Leinwand im Innenhof, darunter die Oscar-prämierten Produktionen „Spotlight“ und „The Big Short“ sowie Stephen Frears „The Program“, der die Karriere und das Dopingsystem von Lance Armstrong nachzeichnet. Dazu zahlreiche schräge Komödien wie „Kill Billy“ aus Norwegen, in der der Inhaber eines Möbelhauses Ikea-Gründer Ingvar Kamprad kidnappt.

Es gibt Örtlichkeiten, wo man bequemer sitzt als auf diesen Plastikstühlen, aber die Atmosphäre ist nicht zu toppen. Den Auftakt machte wie immer ein Klassiker - diesmal war es „Alexis Sorbas“ von 1964, der vor vollbesetzten Rängen um kurz vor halb elf anlief. Mark Tykwer: „Dass ein schwarzweißer Filmklassiker dermaßen viele Menschen anlockt, belegt die Wichtigkeit der Leinwand - auch in Zeiten der digitalen Vollversorgung. Andererseits ging der Erfolg des Abends definitiv auch auf das Konto von Rhode, Klan, Suchner, Enthöfer und Lensing.“

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