Common Grounds-Projekt Film macht Probe am Strand zu beeindruckendem Erlebnis

Wuppertal · Der coronabedingte Lockdown traf das Common Grounds-Projekt „Das Frühlingsopfer“ kurz vor der Premiere.

 Szene aus dem Film „Dancing at Dusk – A moment with Pina Bausch’s The Rite of Spring“. 

Szene aus dem Film „Dancing at Dusk – A moment with Pina Bausch’s The Rite of Spring“. 

Foto: polyphem Filmproduktion

Salomon Bausch war gerade auf dem Weg in den Senegal, als ihn der Lockdown ereilte. Bis dahin habe man Corona noch als Thema betrachtet, das woanders in der Welt spielte, erinnert der Vorstandsvorsitzende der Pina Bausch Foundation. Nun aber stand das Common Grounds-Projekt „Das Frühlingsopfer“ vor dem Abbruch. Kurz vor der Premiere ein „großer Rückschlag“. Um einen Abschluss zu finden und das Erreichte festzuhalten, entschied das Team binnen weniger Stunden die dritte Durchlaufprobe zu filmen. In dem 39-minütigen, eindrucksvollen Werk „Dancing at Dusk – A moment with Pina Bausch’s The Rite of Spring“ führen 38 Tänzerinnen und Tänzer aus 14 afrikanischen Ländern Pina Bauschs „Sacre du Printemps“ in malerischer Kulisse auf. Wie das Projekt weitergeführt werden kann, ist offen. Genauso wie das weitere Programm der Pina Bausch Foundation.

Am Anfang war die Idee des Tanztheater-Mitglieds Jorge Puerta Armenta, ein Stück Pina Bauschs mit einer extra dafür zusammengestellten Gruppe auf die Bühne zu bringen. Eine „starke Idee“, so Bausch, die von Anfang an mit dem Klassiker „Frühlingsopfer“ verbunden wurde, das die Choreographin 1975 zu Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ geschaffen hatte. Bausch kümmerte sich um die Finanzierung, holte die Kulturstiftung des Bundes, das Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW und den Internationalen Koproduktionsfonds des Goethe Instituts ins Boot. Suchte nach Partnern: Über das Fellowship-Programm der Foundation kannte er Germaine Acogny, Gründerin der „Ecole des sables“, sprach die „Grande Dame des afrikanischen Tanzes“ nach einer begeisternden Vorstellung in Brüssel an. Und rannte bei ihr offene Türen ein. Dritter im Bunde wurde das englische Sadler`s Wells.

Geplant wurde ein Doppelabend mit einer neuen Kreation von Germaine Acogny und Malou Airaudo (ehemaliges Ensemblemitglied des Tanztheaters Wuppertal) und einer Aufführung des Bausch-Stücks mit einem eigens gecasteten, afrikanischen Ensemble. Die künstlerische Leitung übernahmen Josephine Ann Endicott, die eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen Pina Bauschs gewesen war, und Jorge Puerta Armentas. Ende März und Anfang April sollte der Doppelabend zunächst in Dakar und dann in Wuppertal aufgeführt werden, im Juni eine internationale Tournee folgen.

Im Januar stellten die Protagonisten das Projekt im alten Schauspielhaus an der Kluse vor. Unterhielten sich über die zu erwartende Inszenierung, die keine afrikanische Version werden sollte. Gab es eine Agenda? Nein, sagt Bausch, Aufführungen entstehen aus den beteiligten Menschen heraus, seien auch bei der Premiere nicht fertig, reifen danach weiter.

Bis Mitte März lief alles nach Plan, der plötzliche Abbruch und die Frage, ob das Stück jemals aufgeführt werden würde, wurde rasch vom Wunsch verdrängt, „aus der Passivität herauszukommen“. Bauschs spontane Film-Idee wurde zunächst im Studio umgesetzt, „um auf Nummer sicher zu gehen“, und dann kurz nach Sonnenuntergang auf einem Sandstrand Senegals, was unter anderem mit technischen oder topographischen Herausforderungen verbunden war. Die Tänzer hatten nur wenige Minuten Zeit der Vorbereitung. Sie tanzten zum ersten Mal in Kostümen und auf Sand – „der Kampf mit dem Boden prägt das Stück, ein Eindruck der jetzt verstärkt wurde“, so Bausch: Er habe einen „sehr besonderen Moment“ erleben dürfen, ein „Riesenprivileg“, das er gerne mit mehr Menschen geteilt hätte. „Ein letzter Moment des Zusammenseins innerhalb einer Krise voller Ungewissheit.“ Auch wenn der Film nur Ersatz sein könne, sei er in diesem Fall etwas Besonderes, es sei ein „Glück, dass wir das gemacht haben“.

Danach trennten sich die Wege, blieb nur der virtuelle Kontakt. Zwar halten alle Partner am Projekt fest, so Bausch, wann es auf die Bühne finden kann, sei aber offen. Offen ist auch die Zukunft der anderen Vorhaben der Spielzeit 2019/20, die das ehemalige Schauspielhaus, das zukünftige Zuhause des Pina Bausch Zentrums, beleben sollten. „Wir hatten uns viel vorgenommen, mussten aber alles absagen.“ Zum Beispiel die Kooperation mit der Oper Vlaanderen oder den Start des Online-Archivs. Zwar habe die Foundation im Homeoffice daran weiter gearbeitet, käme aber langsamer voran. Nun will sie im Spätherbst eine erste Version des Online-Archivs für Testgruppen in Wuppertal öffnen, um Feedback zu sammeln und einzuarbeiten und es dann 2021 für alle freizuschalten.

Ansonsten denke man in Themen, nicht in Veranstaltungen, überlege neue Formate. „Wir wollen uns jetzt erstmal zurückhalten, werden wohl Termine kurzfristiger bekanntgeben, wenn wir ganz sicher sind. Absagen machen keinen Spaß.“ Das Tanztheater sei nunmal eine Kunstform, die vom Livemoment lebe und von der Krise am stärksten betroffen sei. „Das ist hart, aber es wird auch wieder Momente geben, wo es geht.“