Familie Weißenborn sucht einen Nachfolger für ihr Wuppertaler Marionettentheater

Müllers Marionettentheater in Wuppertal : „Ein schönes Theater, das wir gerne weitergeben wollen“

Interview Weißenborns bereiten ihren Ruhestand vor und suchen einen Nachfolger mit frischen Ideen.

Das dreifache Jubiläumsjahr 2018 ist abgeschlossen, die Sommerpause steht vor der Tür. Stolze 36 Jahre machen die Weißenborns nun schon Kleinkunsttheater, zuerst in Bremen, seit 31 Jahren in Wuppertal, wo der Dramaturg 1988 an die Oper berufen wurde. 26 Jahre ist Müllers Marionetten-Theater nun schon am Neuenteich. Eine Institution, die 30 000 Zuschauer im Jahr erreicht, dennoch Mitte 2020 für immer schließen könnte. Wenn sich kein Nachfolger für die Marionettenspieler findet. Im Gespräch erzählt das Ehepaar, warum es aufhört, welche Highlights die Zuschauer in der letzten Spielzeit erwarten und welche Pläne es hat.

Wie ist die Idee entstanden, mit dem Theaterspiel aufzuhören?

Ursula Weißenborn: Vor 5/6 Jahren hatte ich starke Rückenschmerzen, damals kam der Gedanke auf, dass ich nicht ewig meinen Beruf ausüben kann.

Günther Weißenborn: Wir spielen wirklich gerne, aber es ist auch eine Frage der Quantität. Es gibt ein Leben außerhalb der Arbeit. Ich bin jetzt 68, seit drei Jahren Rentner. Meine Frau ist 62, auch sie steht vor der Rente. Wir haben ein schönes Theater, das wir gerne an jemanden weitergeben wollen.

Es droht also nicht das Ende des Theaters?

G. Weißenborn: Nicht unbedingt. Wenn wir jemanden finden, der eine künstlerische Vision hat. Jemand, der unser Theater zwar weiterführt, aber frische, neue Ideen mitbringt.

Haben Sie schon jemanden gefunden?

G. Weißenborn: Nein, wir haben vor einem halben Jahr mit der Suche begonnen. Aber wir führen konkrete Gespräche. Unser Theater hat nun mal ein spezielles Profil. Es bietet aber auch eine Lebenschance, ist ein wirtschaftlich gesunder Betrieb. Wir haben uns eine Frist bis Ende 2019 gesetzt.

Und dann?

G. Weißenborn: Wenn wir bis dahin niemanden gefunden haben, greift Plan B. Dann geht das Theater in Trägerschaft eines Vereins über. So viele Leute haben sich in all den Jahren in unserem Theater engagiert. Es wäre wirklich dumm, wenn Plan C, der große Container, greifen und wir schließen müssten.

Was machen Sie mit Ihrem Schatz aus mehreren Hunderten von Puppen?

U. Weißenborn: Dafür könnte man einen modernen Museumsfonds gründen. Aber dafür bräuchte man Drive.

G. Weißenborn: Einige Puppen kommen ins Museum in Bad Kreuznach. Das ist schon geklärt.

Welche Highlights erwarten die Zuschauer in der nächsten Spielzeit?

G. Weißenborn: Im Herbst starten wir mit „Froschkönig“. Hervorzuheben sind zwei Höhepunkte: Im März 2020 bringen wir Wolf Erlbruchs „Die fürchterlichen Fünf“. Dazu stiftet die fantastisch anarchistische Band „Fortschrott“ um Ulli Klan die Musik. Und etwa im Sommer 2020 bringen wir eine „Musikalische Kissenschlacht“ für Kinder unter zwei Jahren.

Was machen Sie im Herbst 2020?

G. Weißenborn: Ursula malt in ihrem Atelier. Ich überlege noch, freue mich erstmal aufs Nichtmüssen.

U. Weißenborn: Ich auch, aber ich brauche auch Ziele.

G. Weißenborn: Außerdem werde ich meiner Affinität zur Kammermusik nachgehen und weiter Festivals besuchen.

Und das Theater geben Sie ganz auf?

U. Weißenborn: Wir werden künstlerisch tätig bleiben, geben nur die feste Form auf. Jetzt ist es genug. Es gibt auch andere Schauplätze.

G. Weißenborn: Am Anfang haben wir gearbeitet, um zu leben und Anerkennung zu erhalten. Irgendwann haben wir Theater gespielt, weil wir es machen mussten. Und jetzt geht es darum, was sonst noch wichtig ist im Leben.

Wie würde ein kurzes Resümee aussehen?

U. Weißenborn: Es war eine großartige Chance, die wir auch genutzt haben. Die Faszination Theater besteht immer und ewig, egal in welcher Form.

G. Weißenborn: Ich habe Glück gehabt. Es kam immer etwas auf mich zu, das mich in eine neue Richtung gelenkt hat, Erfahrungen, die mich innerlich weitergebracht haben. Und (er lächelt): Wer kann schon wie ich selbstverständlich davon ausgehen, dass das, was er schreibt auch aufgeführt wird.

Fällt Ihnen spontan ein besonderer Höhepunkt ein?

Beide wie aus einem Mund: Das war, als wir, die Puppenspieler, im Jahr 2000 im großen Saal der Berliner Philharmonie Peer Gynt aufgeführt haben. Dreimal wurden wir dorthin eingeladen.

G. Weißenborn: Und „Le sacre du printemps“, dafür hatten wir eine tolle Lösung gefunden.

Ein Tiefpunkt?

U. Weißenborn: Wirtschaftlich hatten wir halt Sorgen. Das war nicht immer witzig.

G. Weißenborn: Sie hat Recht, aber ich sehe es anders: Wir haben ein halbes Leben als freiberufliche Puppenspieler leben können, konnten damit zwei Kindern eine Berufsausbildung ermöglichen und eine Altersversorgung aufbauen, die uns einen komfortablen Lebensabend beschert. Und haben noch immer Ideen und Kraft für Weiteres!

Was sagen Ihre Söhne zu Ihrem Entschluss?

U. Weißenborn: Sie finden es gut. Keiner der beiden will das Theater übernehmen.

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