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Erzählte Kunst: Comics im Hörsaal

Erzählte Kunst: Comics im Hörsaal

Literaturwissenschaft mal anders: Über die Sogwirkung einer ganz speziellen Gattung.

Wuppertal. Comics im Hörsaal? Das Bild, das man jetzt im Kopf haben könnte, trügt: Denn wer glaubt, dass in der Bergischen Universität so mancher Student heimlich unter der Bank in amüsante Bildwelten abtaucht, statt Schiller zu lesen oder einem Dozenten-Vortrag über Goethe & Co. zu folgen, irrt sich gewaltig. Comic-Leser sind auf dem Campus nicht etwa geduldet, sie sind ausdrücklich erwünscht. Nur eines sollten sie nicht tun: ihre Comic-Leidenschaft heimlich, still und leise ausleben.

Denn Christian Klein vom Fachbereich A (Geistes- und Kulturwissenschaften) plant eine Reihe, die einmal mehr beweisen soll, dass Germanisten keinesfalls im Elfenbeinturm lernen und lehren: Im kommenden Semester bietet er ein Seminar zum Thema Comic an.

Am Puls der Zeit forscht das Team des Zentrums für Erzählforschung (ZEF) nicht zum ersten Mal. Im vergangenen Semester ging es im Hörsaal um „populäres Erzählen“ — das Internet ließ grüßen. „Dabei haben wir uns vor allem mit Youtube und Web Novels auseinandergesetzt“, erklärt Christian Klein.

Nun folgen Comics. Was den Privatdozenten an einem Thema reizt, das schnell und oft in der Ecke „banal und kurzlebig“ landet? „Die Kombination aus Text und Bild ist sehr interessant“, sagt Klein. „Comics erzählen auf den Punkt genau und haben eine ganz eigene Sogwirkung. Die Figuren sind mehr oder weniger stilisiert. Man lebt mit ihnen ganz stark mit. Und die Bilder ziehen einen direkt in die Geschichte hinein“, so Klein. „Beim rein literarischen Text hingegen ist man stärker aufgefordert zu imaginieren.“

Wobei der Experte nicht verschweigt, dass er nicht der Erste ist, der dem sehr speziellen Reiz der Comic-Welt in wissenschaftlicher Hinsicht erlegen ist: „Comics werden seit einiger Zeit allgemein als neue Kunstform entdeckt. Die Literaturwissenschaft nimmt sich ihrer zunehmend an.“ So hat auch die Bergische Universität Comics als moderne Sprachrohre entdeckt: In diesem Semester lädt das Narratologische Kolloquium des Zentrums für Erzählforschung zu verschiedenen Vorträgen ein (siehe nebenstehenden Info-Kasten). Der Titel klingt erwartungsgemäß analytisch: „Wie Comics erzählen — Narratologische Perspektiven auf graphische Literatur“.

Vor fünf Jahren wurde das interdisziplinäre Zentrum für Erzählforschung an der Bergischen Universität in Wuppertal gegründet — „um das faszinierende Phänomen des Erzählens in seiner Breite besser erfassen zu können“, wie Germanistik-Professor Matías Martínez betont.

Erzählt nicht jeder ständig, was er will? Eben. Und genau deshalb rückt das scheinbar Alltägliche auch in den wissenschaftlichen Fokus. „Erzählen ist eine grundlegende Weise, wie wir auf die Wirklichkeit zugreifen und uns mit anderen Menschen verständigen“, sagt Martínez. „Erzählt wird nicht nur in Romanen und Kurzgeschichten, sondern auch im Kino, in Fernsehserien und in der Bildenden Kunst, aber auch über das ästhetische Erzählen hinaus — im Alltag, in der Politik, vor Gericht, beim Arzt.“ Was Stephan Packard (Freiburg) und Reinhard Kleist (Berlin) im Januar in Wuppertal erzählen werden, liegt auf der Hand: Sie sprechen in ihren Vorträgen über Comics.

Dabei geht es Martínez und seinen Mitstreitern darum, „die Möglichkeiten des Erzählens in verschiedenen Medien (Sprache, Bild, Film) in ihrer Besonderheit zu beschreiben“. Denn: „Erzählt wird überall, aber nicht in derselben Weise, mit Hilfe derselben Medien oder zu denselben Zwecken.“

Wer jetzt glaubt, dass sich nur Germanisten mit aller Sprachgewalt damit befassen, irrt sich erneut gewaltig. Am ZEF sind auch Philosophen, Rechtswissenschaftler, Historiker und Theologen den vielfältigen Formen und Funktionen des Erzählens auf der Spur. Ob denn auch eine Seminararbeit in Comic-Form erwünscht ist? Klein klingt überrascht: „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Aber vielleicht hat ein Student ja entsprechende Talente...“