Interview: Enno Schaarwächters Kampf um die Kultur

Interview : Enno Schaarwächters Kampf um die Kultur

Interview: In diesem Herbst geht der Geschäftsführer von Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester in den Ruhestand.

Wuppertal. Er ist ein Wuppertaler Urgestein, kennt jeden Gang im Opernhaus, in dem sich schon viele verlaufen haben (sollen), genau. Enno Schaarwächter, 65 Jahre alt, Vater von fünf erwachsenen Kindern und sechs Enkeln, geht in die letzten Wochen seines Arbeitslebens, das er seit 17 Jahren als Geschäftsführer der Wuppertaler Bühnen und seit fünf Jahren auch des Sinfonieorchester gestaltet hat. Das er 1976, nach Fachabitur und Ausbildung zum Diplomverwaltungswirt, in der Wuppertaler Verwaltung begann. Das ihn durch turbulente finanzielle Zeiten und mit vielen Persönlichkeiten zusammen führte. Im Gespräch mit der WZ blickt er zurück, erzählt, was ihn an der Welt der Kultur reizt, benennt Glücksmomente und Fehlschläge und verrät, was er im Ruhestand vorhat.

Sie waren mal stellvertretender Leiter des Sport- und Bäderamtes. Wie kommt man vom Sport zur Kultur?

Enno Schaarwächter: Ich habe mich immer für Kultur und da am meisten für die Bildenden Künste interessiert. Schon in der Kindheit. Ich wollte ursprünglich Grafik-Design studieren, aber das ging nicht.

Welches Genre mögen sie am liebsten?

Schaarwächter: Ich mag alle - Theater, Oper, Konzert - gleichermaßen. Und ich besuche jede Ausstellung im Von der Heydt-Museum.

Welche Persönlichkeiten, die Sie kennengelernt haben, würden Sie hervorheben?

Schaarwächter: Pina Bausch - ich schätze ihre fast mystische Ausstrahlung. Weil ich im Vorstand des Landesverbands des Deutschen Bühnenvereins bin, habe ich viele Intendanten kennengelernt. Bei allen gab es kreative Momente und Dinge, die ich bewunderte.

Wie sehen Sie die aktuellen Intendanten?

Schaarwächter: Ich danke Berthold Schneider dafür, dass die Oper überregional wahrgenommen wird, Schauspielintendant Thomas Braus und seinem Ensemble, und Generalmusikdirektorin Julia Jones finde ich einfach toll.

Sie haben Personalentscheidungen beratend begleitet. Die größten Fehlgriffe?

Schaarwächter: Sehr bewegend war für mich die Beendigung der Theaterfusion Wuppertal-Gelsenkirchen (2001, Red.), was ich im Prinzip für richtig hielt, weil sie nicht funktionierte. Susanne Abbrederis als Schauspielintendantin (2014 bis 2017, Red.) war eine nicht glückliche Entscheidung. Und Toshiyuki Kamioka, der von 2004 bis 2014 Generalmusikdirektor war, war künstlerisch gut gedacht, passte aber nicht.

Personelle Glücksgriffe?

Schaarwächter: Johannes Weigand zum Opernintendanten (2009 bis 2014, Red.) zu machen. Dass Generalintendant Gerd-Leo Kuck Klaus-Peter Kehr beratend an die Oper holte (2014, Red.). Mit Kuck habe ich über acht Jahre eine sehr fruchtbare Arbeit erlebt, trotz schwieriger Rahmenbedingungen.

Was ist richtig gut gelaufen?

Schaarwächter: Ich habe eine der interessantesten Zeiten miterlebt: die Schließung und Sanierung des Opernhauses, den Umzug aller Sparten ins Schauspielhaus, den erfolgreichen Kampf um die kleine Spielstätte am Engelsgarten. Ich habe, rekordverdächtig, neun Intendanten und zwei Generalmusikdirektoren erlebt. Wir haben mit weniger Geld die Strukturen verbessert, die Hardware - ausgenommen das Schauspielhaus, das aber für mich mit der Aussage Tanzzentrum eine Perspektive bekommen hat - ist in einem Zustand, den sich andere wünschen.

Was ging richtig schief?

Schaarwächter: Der Veränderungsprozess durch weniger Geld. Das Einsparen von Personal, das zuweilen unvermeidbar ist.

Als Geschäftsführer sind Sie für die Finanzen zuständig.

Schaarwächter: 2003 war für mich ganz schwierig, weil wir kurz davor standen, betriebsbedingt zu kündigen. Für eine kommunale Gesellschaft eine totale Grenzüberschreitung. Dann, 2012, in der großen Finanzkrise der Stadt, bekamen wir zwei Millionen Euro weniger Zuschüsse. Heute ist das Gröbste überwunden. Dank der zuletzt dauerhaften Steigerung der Landeszuschüsse sind wir auf einem stabilisierten Kurs, müssen jetzt aber künstlerisch punkten.

Was halten Sie von einem Bergischen Orchester?

Schaarwächter: Unmöglich. Wir haben ein so gutes Orchester, dass wir es, im guten Sinne, so weiterführen müssen.

Thema Bezahlung der Künstler:

Schaarwächter: Wir müssen erreichen, dass sie solide bezahlt werden und eine lebenslange Beschäftigungsgarantie statt der befristeten Arbeitsverträge erhalten.

Thema Freie Szene:

Schaarwächter: Sie macht mich glücklich und gehört inzwischen auch ein Stück zu uns. Wir brauchen eine gute Zusammenarbeit, weil sie uns auch an jüngere Generationen heranführt.

Thema Erschließung neuer Finanzierungsquellen:

Schaarwächter: Da können und tun wir vieles, müssen aber realistisch sehen, dass hier viele unterwegs sind. Und wir haben in Wuppertal nicht mehr die großen, von Familien geführten Unternehmen.

Was haben Sie nicht erledigt?

Schaarwächter: Ich glaube, dass jetzt eine andere Generation dran ist. In 20 Jahren hat man eine Menge gemacht. Ich würde natürlich gerne noch die Wiedereröffnung des Schauspielhauses genießen. Und die Zusammenarbeit mit Remscheid und Solingen war zwar stets gut, sollte aber intensiviert werden.

Was sagen Sie Ihrem Nachfolger?

Schaarwächter: Wenn er etwas hören möchte, dann: Sich ums Publikum kümmern, ohne Publikum überlebt das Theater nicht.

Sorgen Sie sich um die Wuppertaler Kulturlandschaft?

Schaarwächter: Nein, ich glaube, dass das Von der Heydt-Museum ein Niveau hat, das durch eine Ausstellungsabsage nicht beschädigt wird. Und beim Tanztheater weiß ich, dass dessen Weiterentwicklung hoch kompliziert ist - kreativ, personell und menschlich. Und in der Kulturszene liegen auch andere mal daneben.

Was planen Sie für den Ruhestand?

Schaarwächter: Als erstes ruhe ich ein halbes Jahr aus. Ich reise zu meiner Tochter und ihrer Familie nach Montreal. Ich fahre mit einem Frachtschiff in die Karibik. Ich widme mich meinem Hobby, stellvertretender Vorsitzender der Awo Wuppertal zu sein. Ich freue mich darauf, Verantwortung abzugeben.

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