Else Lasker-Schüler: Poetin der Zeichenfeder

Else Lasker-Schüler: Else Lasker-Schüler: Poetin der Zeichenfeder

2019 wäre Wuppertals berühmte Tochter 150 Jahre alt geworden. Die WZ widmet ihr eine Serie.

Als Dichterin ist Else Lasker-Schüler unumstritten. Doch als bildende Künstlerin wird die „Doppelbegabung“ noch immer unterschätzt. Ihr erstes bekanntes Bild (von 1900) trug den Titel „Die lyrische Missgeburt“. Bereits in der Weimarer Republik stellte sie ihre Zeichnungen im Folkwang-Museum Hagen, bei Paul Cassirer in Berlin, in der Galerie Flechtheim in Münster sowie in München und London aus. Als Poetin der Zeichenfeder wurde sie einem größeren Publikum aber erst seit 2011 bekannt. Da gab es im „Hamburger Bahnhof“ zu Berlin die Retrospektive „Else Lasker-Schüler. Die Bilder“.

Nach der Heirat kam
der Entschluss zum Studium

Eine späte Wiedergutmachung. Gehört doch dieses Museum zur ehemaligen Berliner Nationalgalerie. Dort befanden sich 104 Zeichnungen, die ab 1937 als „entartet“ galten. Ihre weit verstreuten Bilder sind erst für die Berliner-Ausstellung – der eine Präsentation im Jüdischen Museum Frankfurt vorausgegangen war – wissenschaftlich erfasst worden. Ihre Illustrationen, Zeichnungen, Collagen und Bilder in Mischtechnik sind seitdem in einem Werkverzeichnis erfasst.

Zum Studium des Zeichnens, das Frauen verwehrt war, entschloss sie sich nach der Heirat mit dem Arzt Berthold Lasker. In Berlin nahm sie privaten Malunterricht bei Simson Gold­berg, einem Schüler von Max Liebermann. Doch das „sture Ochsen“, wie die Lasker-Schüler es nannte, war nicht ihr Ding: „Immer wieder dieselbe Nase, immer wieder denselben Mund“. Ihre grenzenlose Fan­tasie sehnte sich nach weiten Horizonten. Bis ihr der Ehemann 1896 ein eigenes Atelier anmietete - damit begann ihr Ausbruch aus der Bürgerlichkeit in die ungeschützte Welt der Bohème.

Die ersten Zeichnungen von ELS erschienen 1911 im „Sturm“. Ehemann Nummer zwei, Herausgeber Herwarth Walden, veröffentlichte in der expressionistischen Zeitschrift ihre gezeichneten Porträts, oft Karikaturen bekannter Autoren und Künstler. ELS dürfte eine der ersten Schriftstellerinen gewesen sein, die ihre Bücher selbst illustrierten. Über ihre Zeichnun­gen schrieb der seinerzeit bekannte Rezensent Herbert Fritsche: „Was diese Blätter so liebenswert macht und auf das Niveau großer Kunstwerke hebt, ist nicht nur ihre unerhört ursprüngliche Phantastik und ihr temperamentvolles Vibrieren, sondern vor allem ihre kindlichen Traumfarben, die wohl vor Else Lasker-Schüler nur von Gauguin erreicht wurden ... Diese Bilder sind herzgeboren, künstlerisch absichtslos und dennoch von einem heimlichen Pathos, das bei der geringen Größe der Figuren rätselhaft anmutet“.

Franz Marc ermunterte sie zum Malen und verehrte sie glühend als Dichterin. Seine 28 gemalten Postkarten, „Botschaften an den Prinzen Jussuf,‘ zählen zum Poetischsten, was er geschaffen hat. Sie antwortete mit 23 Zeichnungen, Karten und Briefen.

„Niedagewesenes“ wollte sie schaffen. Vorbei an den aktuellen Kunstauffassungen entfaltete ELS eine einfache, gegenständlich orientierte, unverwechselbare Ausdrucksform von ein­zigartiger Sensibilität und Poesie. Als exotischer Vogel im Gehege der Avant­garde stieß sie wegen ihrer stilistischen Andersartigkeit und eigenwilliger Text-Bild-Verknüpfungen mit starkem biografischen Bezug auf erstaunliche Beachtung. Sie selbst beschreibt es in dem Prosatext „Wie ich zum Zeichnen kam“: „Ganz genau wie das Laub sich nach der Blume sehnt, so zaubert die Sehnsucht meiner lebendigen Buchstaben das Bild in allen Farben hervor.“

Zu den anfangs sparsamen, linien­betonten Illustrationen kamen später farbige, manchmal auch mit Silber- und Gold­papier collagierte Zeichnungen. Der Beruf des Künstlers muss der Dichterin als ein Ausweg aus bürgerlicher Enge erschienen sein. Im Exil in der Schweiz hat sie sich mit dem Verkauf von Zeichnungen über Wasser gehalten. Es war schon in Berlin eine wichtige Ein­kommensquelle in materieller Bedrängnis. Zugleich rührte das an ihren Stolz: „Meine Nerven werden verkauft von den Wänden“, lautet 1916 ein Hilfeschrei an Karl Kraus. Der Brief schließt mit den ebenso kämpferischen wie verzweifelten Worten: „Theben soll lieber ver­dursten.“

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