Else Lasker-Schüler – die Netzwerkerin

Else Lasker-Schüler: Else Lasker-Schüler – die Netzwerkerin

2019 wäre Wuppertals berühmte Tochter 150 Jahre alt geworden. Die WZ widmet ihr eine Serie.

Soziale Netzwerke stiften „Freundschaften“ und arbeiten mit Begriffen wie „Gutenberg-Galaxis“ oder „digital bohemian“. Analoger Vorläufer war die Künstlerbohème in Berlin des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ihre Angehörigen trafen sich bevorzugt in Cafés und Kneipen, auch von Paris, Prag oder Wien. In der Anonymität der Metropolen pflegten sie ihre überschaubaren Freundschaftsbande. Mittendrin Else Lasker-Schüler, Netzwerkerin und ungekrönte Königin der Szene.

Inseln von Authentizität
und Mitmenschlichkeit

Angesichts transzendentaler Obdachlosigkeit schufen die oft abschätzig als Lumpenproletariat abqualifizierten Bohemiens Inseln von Authentizität und Mitmenschlichkeit. Treffpunkte wie das Romanische Café waren weniger Orte urbaner Zerstreuung als die einer Gemeinschaft im Geiste wie „Die Moderne“. Lange vor Fritz Teufel, Rainer Langhans oder Uschi Obermaier und ihrer Kommune 1 gab es einen Vorläufer: Die Neue Gemeinschaft. Mit Paul Scheerbart, Peter Hille oder Herwarth Walden. Fixstern war stets Else Lasker-Schüler.

Das Netzwerk, das Else Lasker-Schüler so im Laufe ihrer Berliner Jahre spann, war legendär. Sie knüpfte es auch mit Prosatexten und Gedichten, die sie den Freundinnen und Freunden widmete. Als sie Café-Hausverbot erhielt, weil ihr Söhnchen Paul Kuchen stibitzt hatte, verließen auch die prominenten anderen Networker aus Solidarität die Lokalität.

Zum Freundeskreis zählten beispielsweise Schriftsteller wie der „grüne Heinrich“ Max Herrmann-Neiße („seine Gedichte sind große pietätvolle Wanduhren“), Alfred Döblin („Berlin Alexanderplatz“), Georg Trakl, Karl Kraus, Peter Hille, Albert Ehrenstein, Egon Erwin Kisch, Franz Werfel, Richard Dehmel, der Wuppertaler Peter Baum oder Hans Sahl, Schauspielerinnen wie Therese Giehse, die Bildhauerin Milly Steger sowie Jankel Adler und Maler der Künstlergruppen „Blauer Reiter“ und „Die Brücke“. Die gemalte Korrespondenz zwischen ihr und Franz Marc ist ein Höhepunkt europäischer Kunstgeschichte. Einige der Künstler illustrierten Textveröffentlichungen von Else Lasker-Schüler in den damals angesagten expressionistischen Zeitschriften. Bekanntestes Beispiel dafür ist der Holzschnitt von Marc zum ELS-Gedicht „Versöhnung“ im „Sturm“.

Als besonderes Exempel für die Wirksamkeit des Netzwerks gilt der 17. Februar 1913: Im Neuen Kunstsalon München stellen „Else-Freunde“ Bilder für eine Auktion zugunsten der alleinerziehenden Mutter zur Verfügung. Franz Marc stiftet das „dem Prinzen von Theben“ gewidmete Gemälde „Der Traum“. Weitere Bilder kommen u.a. von Heinrich Campendonck, Erich Heckel, Paul Klee, Alexej von Jawlensky, Oskar Kokoschka, Ernst Ludwig Kirchner, Alfred Kubin, August Macke, Otto Mueller, Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff und Marianne von Werefkin. Die Gemälde sind heute Unsummen wert. Damals, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, wird kaum etwas davon verkauft.

In diesem Krieg fielen Freunde wie Georg Trakl und Franz Marx. In der NS-Zeit mussten andere Netzwerker fliehen. Ihnen allen widmet Else Lasker-Schüler das folgende Gedicht:

An meine Freunde

An meine treuen Freunde, die ich verlassen musste,

und die mit mir geflüchtet in die Welt.

Nicht die tote Ruhe –

Bin nach einer stillen Nacht schon ausgeruht.

O ich atme Geschlafenes aus,

Den Mond noch wiegend

Zwischen meinen Lippen.

Nicht den Todesschlaf,

Schon im Gespräch mit euch – himmlisch Konzert –

Ruhe ich aus ....

Und neu’ Leben anstimmt

In meinem Herzen.

Nicht die tote Ruhe,

So ich liebe im Odem sein;

Auf Erden mit euch im Himmel schon

Allfarbig malen auf blauem Grund –

Das ewige Leben.

Der Ueberlebenden schwarzer Schritt

Zertritt den Schlummer, zersplittert den Morgen.

Hinter Wolken verschleierte Sterne

Über Mittag versteckt ....

So immer neu uns finden.

In meinem Elternhause nun

Wohnt der Engel Gabriel.

O ich möchte mit euch dort

Selige Ruhe in einem Fest feiern:

Sich die Liebe mischt mit unserm Wort.

Aus mannigfaltigem Abschied

Steigen aneinander geschmiegt die goldenen Staubfäden,

Und nicht ein Tag ungesüsst bleibt

Zwischen wehmütigem Kuss – –

Und Wiedersehn.

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