Wuppertaler Meisterwerke im Von der Heydt-Museum: Ein Synonym der Erschütterung

Wuppertaler Meisterwerke im Von der Heydt-Museum : Ein Synonym der Erschütterung

Das expressive Bild von Chaim Soutine ist derzeit im Von der Heydt-Museum zu sehen.

Chaim Soutine (geboren 1893 in Weissrussland, gestorben 1943 in Paris) malte, auch wenn er nach alten Meistern arbeitete oder ein Motiv variierte, immer auch vor dem Objekt. Eine Anekdote berichtet, wie er einmal einen geschlachteten Ochsen in seinem Atelier malte und die Nachbarn die Polizei riefen, weil seit Wochen der Gestank des verwesenden Kadavers in der Luft hing. Für seine Landschaftsmalerei fuhr er mit dem Zug in die Umgebung von Paris oder unternahm ausgedehnte Reisen in den Süden.

Dieses Werk aus unserer Sammlung zeigt die Platanen von Céret auf dem Place de la Liberté. Die Farbe ist dick, stellenweise direkt aus der Tube, auf die Leinwand aufgetragen. Die unbelaubten, in Wirklichkeit stämmigen und silbrig grauen Platanen sind mit dem Pinsel in geschwungenen, langen olivgrünen Linien gezogen. Der Boden stürzt dem rechten Bildrand entgegen. Die Bäume im Vordergrund nehmen die Bewegung des Bodens auf, gleichzeitig schießen sie schräg nach rechts oben in die Höhe. Ihre Reihen verdichten sich in der Bildmitte zu einem kompakten Block.

Im Mittelgrund stehen weiß getünchte Häuser mit roten Dächern, die ebenfalls dem Boden in seinem Sturz folgen. Im rechten Teil des Bildes ist ein Haus zwischen den Platanen auszumachen, das durch den stark pastosen Farbauftrag geradezu in den Vordergrund und aus der Leinwand heraus zu streben scheint. Dahinter türmen sich dunkel blau und braun die Berge auf. Ein Fetzen hellblauen Himmels nimmt den rechten oberen Bereich des Bildes ein. Die ganze Landschaft scheint sich wie bei einem Erdbeben zu bewegen und zu taumeln. So wird diese Landschaft geradezu ein Symbol der existenziellen Erschütterung, die der Erste Weltkrieg für Frankreich und Soutine bedeutete.

Soutine war bereits 1913 nach Frankreich gekommen und lebte hauptsächlich in Paris. Im südfranzösischen Céret nahe der spanischen Grenze verbrachte der Künstler die Jahre 1919 bis 1922. Hier entstanden rund 200 Bilder, vor allem Landschaften, darunter auch dieses expressive Bild, das in unserer derzeitigen Sammlungspräsentation „1919-2019“ zu sehen ist.

1922 lernte der Künstler den amerikanischen Arzt und Kunstsammler Albert C. Barnes kennen, der zahlreiche Werke von Soutine kaufte. Diese und andere Verkäufe steigerten die Nachfrage nach Soutines Bildern deutlich. 1927 fand seine erste Einzelausstellung in Paris statt. In den 1930er Jahren folgten Ausstellungen in Chicago, New York und London.

Als registrierter Jude suchte Soutine unter der deutschen Besatzung außerhalb von Paris in kleinen Dörfern Zuflucht. Unter erbärmlichen Umständen starb er noch während des Zweiten Weltkrieges an einem Magendurchbruch.

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