Ein "Singvögelchen" verlässt die Puppenstube: Noras Wandlung

Ein "Singvögelchen" verlässt die Puppenstube: Noras Wandlung

Die Premiere war — bis auf wenige Abstriche — gelungen. Tilo Nest setzt Ibsens bekannteste Frauenfigur in Szene.

Wuppertal. Nora Helmer (Juliane Pempelfort) lebt anscheinend in einer mustergültigen Ehe: Ihr erfolgreicher Mann Torvald (Hanno Friedrich) ist soeben zum Bankdirektor avanciert, sie hat ein gemütliches Heim und drei wohl geratene Kinder.

Tilo Nest hat in seiner Inszenierung von Henrik Ibsens „Nora oder Ein Puppenheim“ den ersten Akt in die weiten Flure des Schauspielhauses verlegt. Die langen Gänge dienen auch den Auf- und Abtritten, der offene Innenhof ist der Garten. Das Hin und Her kostet zwar viel Zeit, zeigt aber, welche Regie-Möglichkeiten im Gebäude stecken. Und die Zuschauer ertragen die fast einstündige Sitz-Tortur auf kleinen Lochhockern geduldig, weil sie mitten ins Geschehen, ins geräumige Wohnzimmer zur Weihnachtszeit, eingebunden sind.

Juliane Pempelfort ist das verwöhnte „Singvögelchen“, „das kleine Eichhörnchen“ des erfolgreichen Mannes, der sie zu seinem Besitz zählt. Pempelfort gestaltet ihre Nora von Beginn an als burschikose, lebhafte Frau, der das sanfte Luxusweibchen ein wenig abgeht. Dafür schildert sie umso fesselnder ihre Reifung zur emanzipierten Frau, die am Ende begreifen wird, wie fremdbestimmt ihr Leben verlaufen ist.

Freundin Kristine (großartig: Julia Wolff) ist ihr Gegenentwurf: Die lebenserfahrene Frau hat sich und ihre Brüder alleine durchgebracht, jetzt sucht sie Arbeit bei Helmers Bank. Als der zustimmt und dafür seinen Studienkollegen Krogstad entlassen will, nimmt das Drama seinen Lauf: Krogstad kämpft mit allen Mitteln um die Anstellung. Lutz Wessel gibt ihn als fiesen Charakter, der vor Erpressung nicht zurück schreckt. Denn er lieh seinerzeit Nora Geld, damit ihr Mann geheilt werden konnte. Auf dem Schuldschein hatte Nora die Unterschrift ihres todkranken Vaters als Bürge gefälscht.

Tilo Nest verlegt den zweiten und dritten Akt in die dunkle Spielstätte des Kleinen Hauses und verdichtet auf Innensicht und psychologische Personenführung. Schräge Bühnenelemente und unifarbene Kostüme (Bernhard Siegl) unterstreichen, wie einheitlich instabil die heile Welt geworden ist. Auch Torvalds einziger Freund und heimlich in Nora Verliebter, der kranke Dr. Rank (skurril, aber auch einfühlsam: Heisam Abbas), weiß nun genau, dass er sterben muss. Eher unpassend ist die untergründige Erotik, mit der die Regie diese Szene ausstattet.

Obwohl Krogstad später seinen entlarvenden Brief stoppen will, erfährt Torvald, was seine Frau tat. Hanno Friedrich zeigt diesen verbohrten und in tradierten Ehrvorstellungen verhafteten, durchaus tragischen Charakter eindringlich und facettenreich.

Regie: Vier von fünf WZ-Punkten

Bühne: Drei von fünf WZ-Punkten

Ensemble: Fünf von fünf WZ-Punkten