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Ein Regisseur und die Frage nach der Normalität

Ein Regisseur und die Frage nach der Normalität

„Aus Euren Blicken bau ich mir ein Haus“ wird am 22. März uraufgeführt.

Wuppertal. Es ist noch nicht lange her, da sorgte der Autor Thomas Melle mit seinem Romandebüt für Furore: „Sickster“ schaffte es auf die „Longlist“ und war damit für den Deutschen Buchpreis nominiert. Nun gibt es — im wahrsten Sinne des Wortes — dramatische Neuigkeiten. Der Berliner könnte von Wuppertal aus die Kulturlandschaft erschüttern — in diesem Fall nicht mit einem Roman, sondern mit einem Schauspiel, das er eigens für das Kleine Schauspielhaus geschrieben hat.

Das Auftragswerk mit dem nicht gerade prägnanten, sondern eher geheimnisvollen Titel („Aus Euren Blicken bau ich mir ein Haus“) wird am 22. März uraufgeführt. Bereits jetzt bahnt sich ein ungewöhnlicher Theaterabend an: Schon allein das Thema könnte für Furore sorgen, denn die Geschichte über eine gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft, die in der Krise steckt, fällt nicht gerade in die Kategorie „gutbürgerliches Unterhaltungsprogramm“ für den heiteren Massengeschmack — Stoff und Sprachwahl haben es in sich.

Die Wuppertaler Bühnen erzählen eine Dreiecksbeziehung, die Birgit Stoessel (Bühne und Kostüme) optisch an die heile Welt der 50er Jahre anlehnt. Birger (Lutz Wessel) und Kevin (Jakob Walser) entfliehen dem Großstadt-Trubel und suchen die vermeintliche Idylle in einem Vorort: Das homosexuelle Paar trifft auf Dorte (Anne-Catherine Studer) und freut sich schon bald auf Nachwuchs. Denn aus Dorte, der psychischen Grenzgängerin, wird eine Leihmutter. Doch die Freude währt nicht lange: Als Dorte hochschwanger einen manischen Schub erleidet, lassen sie Birger und Kevin in eine geschlossene Anstalt einweisen — um das Sorgerecht für das Kind zu beantragen. Ein Verrat mit Folgen.

„Es gibt keine eindeutigen Schuldzuweisungen“, betont Regisseur Eike Hannemann mit Blick auf die Textvorlage, an der er nicht zuletzt die sehr spezielle, „aufgeladene Sprache“ schätzt. „Thomas Melles Figuren sind fast immer Grenzgänger zwischen den psychischen Welten. Sie haben einen anderen Blick auf die Welt.“ So gesehen drängen sich zentrale Fragen auf: Nutzen die Männer Dorte nur aus? Mehr noch: Handeln Sie zu Unrecht?

„Das muss man als Zuschauer selbst entscheiden“, sagt Hannemann, für den andere Fragen relevanter seien. „Ab wann wird jemand für verrückt erklärt? Wann gilt jemand als nicht mehr normal?“ So gehe es ihm in erster Linie darum, Grenzen auszuloten — was auch für den Entstehungsprozess gilt. „Die Zusammenarbeit ist wie ein Ping-Pong-Spiel“, erklärt Hannemann, der mit dem Autor in engem Austausch steht.

Melle, Jahrgang 1975, sorgt in Wuppertal nicht zum ersten Mal für dramatische Erlebnisse: Seine Adaption des Eschbach-Romans „Eine Billion Dollar“ war ein großer Erfolg — danach folgte „Licht frei Haus“. „Er kennt die Schauspieler. Das ist natürlich beim Schreiben von Vorteil“, sagt Hannemann. So sei das neue Stück zwar keine leichte Boulevard-Komödie: Das Ganze habe aber „auch komische Seiten“.