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Ein Intendant zwischen Vorfreude und Erklärungsbedarf

Ein Intendant zwischen Vorfreude und Erklärungsbedarf

Schauspiel im Opernhaus: Christian von Treskow inszeniert „Die Kontrakte des Kaufmanns“.

Wuppertal. Wenn es vor einer Theatervorstellung eine Stückeinführung gibt, darf man hellhörig werden. Dann spricht der Stoff im Zweifelsfall nicht für sich, sondern besteht Erklärungsbedarf.

Schauspiel-Intendant Christian von Treskow formuliert es so: „Die Zuschauer sollten vor der Premiere vor allem eines wissen. Sie müssen nicht alles verstehen.“ Zumal die österreichische Autorin Elfriede Jelinek für ihre eigenwillige Sprache bekannt und der Wuppertaler Regisseur gewillt ist, ihre Wirtschaftskomödie mit einem entsprechenden Hinweis in Szene zu setzen: „Es geht um ein sinnliches, nicht um ein sinngemäßes Verstehen.“ Zumindest gilt das für „Die Kontrakte des Kaufmanns“, die der 42-Jährige im Opernhaus auf die Bühne bringt. Am 1. Oktober soll sich die Wucht des Sprechoratoriums erstmals in Barmen entfalten.

Dabei bleibt der Theater-Chef seinem Schwerpunkt treu: Auch in seiner dritten Spielzeit sucht er einen Zugang zum Finanz-Dschungel. Mit Blick auf seine Vorgänger-Inszenierungen zum Thema Ökonomie („Eine Billion Dollar“, „Der Kirschgarten“, „Die Dummheit“) scheint ihm Jelineks Sprechoper bestens ins Konzept zu passen: Auch diesmal dreht sich alles um das liebe Geld.

Der Tonfall freilich unterscheidet sich von dem der anderen Projekte — und ist ein sehr spezieller. Wer den Duktus der Nobelpreisträgerin kennt, weiß auch, was bei Jelinek keine Rolle spielt: Es gibt keine ersichtlichen Regieanweisungen, keine klassischen Figuren, keine konventionelle Handlung. Was erwartet das Publikum denn dann? „Entfesselte Schauspieler“, sagt der Bühnen-Chef, dem man anmerkt, dass ihm Jelineks postdramatisches Theater ernsthaft am Herzen liegt. „Wenn man sich auf die vertrackten Texte, die vielen Wiederholungen und Sinnverdrehungen einlässt, ist es ein Vergnügen der besonderen Art.“

Auch Dramaturg Sven Kleine ist gespannt, wie das Stück über windige Finanzsysteme ankommen wird: „Es gibt keine Einzelfiguren, sondern eine kollektive Sprache — also auch viele chorische Szenen. Der Zuschauer erfährt nach und nach, was passiert ist.“ Der Hintergrund ist real: Im Herbst 2008 standen in Österreich Zehntausende von Kleinanlegern, die auf die Immobilienfondsgesellschaft „Meinl European Land“ vertraut hatten, vor dem Ruin. Jelinek hat den Fall zu Papier gebracht: „Sie hat ihre Gedanken aneinandergereiht“, erklärt von Treskow. „Es gibt nur ein handelndes Etwas — das ist der Text selbst.“ Zehn Schauspieler präsentieren ihn ab dem 1. Oktober, 19.30 Uhr, im Opernhaus.

Wobei es trotz allem noch Erklärungsbedarf geben könnte — eine Stückeinführung wird deshalb um 19 Uhr angeboten. Karten gibt es unter Ruf 569 4444.