Ein geschmackvolles Gesamtkunstwerk

Ein geschmackvolles Gesamtkunstwerk

Leidenschaft und Deftigkeit von Shakespeares „Romeo und Julia“ geraten in Robert Sturms Inszenierung jedoch ins Hintertreffen.

Wuppertal. Es herrscht eine Volksfeststimmung wie zu William Shakespeares Zeiten. Junge Musiker mit Schlaginstrumenten füllen die riesige Halle auf dem Riedel-Gelände mit ihrem Rhythmus. Schauspieler, schon im Kostüm, eilen über die Freiflächen zwischen den weißen Spielpodesten, die Tony Cragg entworfen hat.

Foto: Ralf Silberkuhl

Wie zuckerbäckerhaft geraffte Vorhänge wirkt der Gipsguss auf den vertikalen Flächen. Die unterschiedlich hohen Podeste im Raum fügen sich gut zu den hallenhohen Skulptur-Modellen, die der Bildhauer um die drei Zuschauertribünen platziert hat. Die sind rappelvoll, das Theater-Event ist zum gesellschaftlichen Großereignis geworden.

Die Schauspieler hocken sich auf die Tribünentreppen, unterdessen geigt Gunda Gottschalk im Gehen, ferner Gesang ertönt. Als kulturelles Gipfeltreffen hat Robert Sturm seine Inszenierung von „Romeo und Julia“ konzipiert, die kreativen Köpfe der Stadt aus Musik, Tanz, bildender Kunst um sich versammelt.

Dann beginnt das Drama um die unsterblich verliebten Jugendlichen, die wegen ihrer verfeindeten Elternhäuser und nach tragischen Verwicklungen beide in den Tod gehen. Als ästhetisches Gesamtkunstwerk hat es Robert Sturm angelegt mit Tanzeinlagen, die an Pina Bausch erinnern, und improvisierten Klang-Passagen, mit Musik, die Wolfgang Schmidtke im Stil der Shakespeare-Zeit komponiert hat, und mit Live-Film-Einspielungen quer durch die Halle. Das ist alles geschmackvoll anzusehen, da wird auf nichts öde herumgeritten, das setzt einige schöne Impulse.

Doch die Leidenschaft und das wilde Treiben, die Shakespeare in diesem Frühwerk ausbreitet, geraten darüber ins Hintertreffen. „Wir bauen sehr stark auf die Fantasie der Zuschauer“, sagte Sturm vor der Premiere. Und die müssen sich tatsächlich viel dazu denken, auch weil die Akustik gelegentlich — sagen wir — anspruchsvoll ist. Der Regisseur verzichtet völlig auf Requisiten und hält die Figuren auf Distanz. .

Es ist so viel Platz in der Halle, doch die Figuren stehen oft statisch im Raum. Selbst beim tödlichen Kampf zwischen Tybald und Romeo trennen Moritz Heidelbach und Bernhard Glose mehrere Meter. Den finalen Hieb versetzt symbolisch ein Todesengel — diesen Part übernehmen die Tänzerinnen Helena Pikon und Morena Nascimento.

Wenn es mal eine Ausnahme gibt, schreckt man förmlich hoch: Allein Mercutio (Andreas Potulski) darf ein kleines bisschen aufreizende Körperlichkeit zeigen. Doch dass Shakespeares Text nur so strotzt vor deftigen Anzüglichkeiten, bekommt man hier kaum mit. Da nützt es auch nichts, dass sich die neue Übersetzung von Frank-Patrick Steckel betont lässig gibt: „Ich hab die Faxen dicke“, tönt Julias Vater (Jost Brix). Selbst die verzehrende Leidenschaft des jungen Liebespaares wirkt hingetändelt, ist eher artig als rebellisch.

Zum Finale gelingt Sturm wieder eine grandiose Bildsequenz, wenn all die Toten des Stücks mit den Musikern über eine Rampe unter der Decke im Gegenlicht davontanzen — anhaltender Applaus.

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