Ein Feuerwerk am Piano: Ingolf Wunder spielt sich frei

Ein Feuerwerk am Piano: Ingolf Wunder spielt sich frei

Beim Klavierzyklus gibt sich der 26-Jährige souverän, grazil und unbekümmert.

Wuppertal. Ingolf Wunder macht seinem Namen alle Ehre: Beim dritten Konzert im Bayer-Klavierzyklus erweist sich der Pianist als wunderbarer Chopin-Interpret. Der junge, erst 26-jährige Österreicher überzeugt im ausverkauften Mendelssohn Saal in der Stadthalle mit nuanciertem Vortrag.

Das Nocturne (Nachtstück, op. 9 H-Dur) spielt er mit leichtem, delikaten Anschlag, ohne sich allzu sehr im empfindsam-versunkenen Spiel zu verlieren. Die Mazurken des Opus 24 atmen polnische Folklore: Elegisch und verschattet, perlend und hüpfend, ausdrucksvoll „sprechend“ mit wirkungsvollen Rubati, spritzig und leidenschaftlich, aber auch voller Trauer gestaltet der Pianist die kunstvollen Werke des jungen Chopin.

Dessen „Bolero“ mit koketten Kaskaden in der Introduktion liegt Wunder mit präzisem und energischem Anschlag, aber auch mit verträumtem Fabulieren gut in den Händen. Das vierte Scherzo von freundlichem Charakter aus dem Opus 54 schließlich gestaltet Wunder als einheitlichen Fluss ohne schärfere Kontraste, aber mit perfekter Anschlagskultur in allen pianistischen Raffinessen — bei Trillern, Arpeggien oder Staccatao-Passagen. Der As-Dur-Walzer mit seiner jugendlichen Frische und Unbekümmertheit ist ein guter Übergang zu Franz Liszt. Dessen „Valse Caprice“ aus den Soirées de Vienne nach Tänzen von Franz Schubert nimmt Wunder nach wuchtigem Beginn noch Chopin-mäßig versonnen, nicht ohne sich dem dämonisch-feurigen Liszt zu nähern. Wundervoll gelingt der sanfte Streichel-Schluss. Die „Harmonies de soir“ in Des-Dur bekommen die nötige transzendente Stimmung — inklusive hymnischer Ausweitung und orchestral-überschwänglicher Ausprägung. Bei aller Erhabenheit sollte sich der Pianist hierbei nicht im Klangzauber verlieren.

In Liszts bekannter zweiter Ungarischen Rhapsodie kann jeder Pianist sein Virtuosentum zeigen: Wunder gestaltet sie mit individuellen Freiheiten durchaus schlüssig. Fast klebrig sind die Tonrepetitionen des Beginns, markant sind die Bassfiguren, im ungeheuren Tempo erklingt das chromatische Skalengewitter, spannungsreich sind die plötzlichen Stopps. Seine Gratwanderung zwischen kantabler Grazie und pianistischem Feuerwerk ist absolut absturzsicher.

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