Premiere:  Drama „Im Schatten kalter Sterne“: Roboter kennen keine Moral

Premiere:  Drama „Im Schatten kalter Sterne“: Roboter kennen keine Moral

Schauspiel Wuppertal führt das 2018 uraufgeführte Stück von Christoph Nußbaumeder auf.

Am Ende steht die junge Frau allein auf der Bühne. „Wenn der Himmel schwarz ist, braucht es wieder echte Menschen, die ihn hell machen“, sagt sie, blickt ins Publikum, geht und lässt die Zuschauer fast allein zurück. Nur eine Drohne in Quadrocopterbauweise landet still und nutzlos auf dem Boden, nachdem ihr Zielobjekt fort ist.

Ein beschwörender und leicht hoffnungsvoller Satz nach knapp zwei Stunden wortgewaltiger Auseinandersetzung mit dem Verhältnis Mensch-Roboter. Mit vielen Fragen, die nicht alle beantwortet werden, und der Erkenntnis, dass holzschnittartige Gut-Böse-Einordnungen nicht weiterhelfen. „Im Schatten kalter Sterne“, im Herbst 2018 uraufgeführtes Drama in 30 Szenen von Christoph Nußbaumeder, feierte am Samstag im Opernhaus Premiere.

Der Held des Stücks ist Wolfgang Anders, Programmierer und Experte für Künstliche Intelligenz, dessen Start-up-Unternehmen von dem milliardenschweren Rüstungsunternehmen „Bimini“ (eine Anspielung an Heinrich Heines’ bedichtete Paradiesinsel) aufgekauft wird. Nun soll er als Projektleiter vollautonome Mikrodrohnen entwickeln.

Mit seinem Aufstieg einher gehen Erfolgsdruck, Neid, Kontrollverlust – und ein zunehmend schlechtes Gewissen: Verkörpert durch die Mitarbeiterin eines Escortservice, Milena (Julia Meier), in die er sich verliebt, und seinen verunglückten Jugendfreund Thomas (Alexander Peiler), der sich um Kriegsopfer gekümmert hat. Die eine fragt ihn immer wieder nach der moralischen Verantwortung seines Tuns, der andere sucht ihn wortlos und leeren Blicks wie ein Alptraum immer wieder heim. Anders’ rosige Zukunft verdunkelt sich zunehmend.

Der Dramatiker und Autor Christoph Nußbaumeder (Jahrgang 1978) schreibt teilweise preisgekrönte, gesellschaftskritische Stücke mit psychologisch ausgeleuchteten, realitätsnahen Figuren. Für „Im Schatten kalter Sterne“ setzte er sich mit Karl Polanyis „The Great Transformation“ auseinander, in dem dieser 1944 vor einer unregulierten Marktgesellschaft warnte, die unweigerlich zur völligen Zerstörung führen würde, und zugleich betonte, dass die Menschheit nur zur bestimmenden Gattung werden konnte, indem sie zu kooperieren lernte. Zudem erinnert Nußbaumeders Stück an Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“, das die Frage nach der Verantwortung von Wissenschaft mit einer überaus pessimistischen Weltsicht verbindet.

Esther Hattenbach inszeniert die Konversationen des Autors als rasche Abfolge von Szenen – für die Zuschauer eine Herausforderung. Zur reduzierten Handlung kommt ein reduziertes Bühnenbild: ein Raum, der nur durch riesige Glas- und Leinwandflächen hinten und seitlich entsteht, der mal Meetingroom, mal Kommandozentrale des Unternehmens, mal Smart Home von Wolfgang Anders ist.

Der Blick ist frei auf rasch wechselnde, grandiose Videos (Kathrin Dworatzek), die, unterstützt von gezieltem Musik- und Licht-Einsatz, auf eindringliche Art die Emotionen der Protagonisten sichtbar machen – von der Skyline der Stadt, auf die der mächtige Unternehmenschef blickt, über die Waldiydlle, die ans neue Heim von Anders grenzt, bis hin zu Computerspielen, die die Realität ersetzen. Keine Möbel, kein Accessoire, keine Action, die von der Botschaft ablenkt.

Zur reduzierten Handlung kommt ein reduziertes Bühnenbild

Das Schauspielensemble stellt sich dem bedeutungsschweren Thema, die Personen wirken glaubhaft, das Spiel ist oft frontal und geht unter die Haut. Da ist das unsympathische, unmoralische, geld- und machtgeile Trio aus dem Rüstungsunternehmen, das den inhaltslosen Werbesprech (Orwells Neusprech lässt grüßen) in Dauerschleife inszenieren kann.

Dass der Chef Schroth (Stefan Walz) als perverser Lüstling entlarvt wird und Anders’ Kollege Bautz (Kostantin Rickert) wegen Industriespionage auffliegt, so dass Geschäftsführerin Schäfer (Julia Reznik) das Unternehmen durch Entlassungen retten muss, ist allerdings ein wenig dick aufgetragen.

Wolfgang Anders (Martin Petschan wie auf den Leib geschrieben) hat gegen diese böse Macht keine Chance. Zwar macht er eine Wandlung durch vom die Realität als „moralische Hypochondrie“ ausblendenden und die Verantwortung an die Politik delegierenden Nerd zum verzweifelten und zweifelnden Skeptiker, der die gezielten Tötungen mit seinen Mikrodrohnen als Menschenjagd verurteilt. Er entzieht sich aber am Ende kläglich, indem er sich schlichtweg krankschreiben lässt.

Sterne leuchten am Himmel, aber sie sind kalt, in ihrem Schatten ist es ungemütlich. Dieses Stück führt zum Nachdenken. Es ist gut, dass es das Schauspiel Wuppertal aufführt.

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