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Serie: Die Rolling Stones waren eben die „härteren Jungs“

Serie : Die Rolling Stones waren eben die „härteren Jungs“

Rainer Widmann besitzt fast 7000 Vinylscheiben und mehr als 8000 CDs. Die erste war „Between the Buttons“ von den Rolling Stones.

Seine erste Platte hält er natürlich noch in Ehren, wenn sie auch nicht seine Lieblingsplatte ist. Aber die gibt es eigentlich nicht oder es sind mindestens drei: „Third“ von Soft Machine, „Hot Rats“ von Franz Zappa und „In the Court of the Crimson King“ von King Crimson, die ihm zudem mit ihrem Konzert im Marquee Club in London 1969 „eine neue Welt eröffneten“. Oder war doch das Konzert mit Jimi Hendrix in der Stuttgarter Liederhalle im selben Jahr prägender?

Rainer Widmann, stolzer Besitzer von fast 7000 Vinylscheiben und mehr als 8000 CDs, kaufte als 18-Jähriger „Between the Buttons“ von den Rolling Stones, weil „die Jungs härter waren als die Beatles mit knackigeren Rhythmen und Rock Riffs“. „L01“ hat er auf der Plattenhülle vermerkt, der heute 70-Jährige achtete schon immer auf Ordnung. In zwei Musikzimmern füllen die Musikträger mehrere Regalmeter.

Wie wird ein Mensch zum Plattensammler? „Ich war schon immer Sammler und Jäger“, stellt Widmann erstmal fest. Außerdem kam ganz einfach die Not dazu, die Musik kaufen zu müssen, die er hören wollte. Im Zeichenunterricht an der Schule im schwäbischen Kirchheim/Teck wurde er angefixt. „Wir durften Musik in den Kunstunterricht mitbringen. Ein Freund hatte einen großen Bruder, der immer die neuesten Platten hatte.“ Als er Geld brauchte, verkaufte er Rainer 30 Platten auf einen Schlag und zu einem guten Preis. Derweil die deutschen Radiosender damals nicht die „schräge“ Musik spielten, die er hören wollte. Ende der 60er, Anfang der 70er legte er dann in verschiedenen süddeutschen Discotheken seine Musik auf, immer das Neueste natürlich, Led Zeppelin zum Beispiel. Und er kaufte Platten. Jahrelang kamen im Jahr an die 20 dazu, ab 1973 wurden es dann mehr, „ab damals verdiente ich Geld als Verkehrsplaner in Wuppertal“.

Die 60er Jahre prägten seinen Musikgeschmack. Noch heute interessiert Rainer Widmann vor allem die Rock- und Beatmusik dieser Zeit, zu der sich bald der Jazz gesellte. Zunächst der Jazzrock in Person von Miles Davis, Soft Machine oder John McLaughlin, später die Avantgarde des Free Jazz. Das Jazz-Buch von Joachim-Ernst Behrendt mit seinen Plattentipps hatte daran einen großen Anteil. Widmann gefielen die Kombination des leichten, experimentierfreudigen Jazz mit den Rock Riffs und natürlich der häufige Klaviereinsatz, „weil ich selbst etwas Klavier gelernt habe“. Gibt es einen Lieblings-Jazzmusiker? „Nein, ich habe ja alles“, sagt er. Die meisten Werke hat er von Frank Zappa, der ihn sehr beeindruckte, mit seinem exakten Spiel, seiner Art, die Band zu dirigieren. Widmann schätzt seinen Zappa-Bestand auf 140 Tonträger.

So groß die musikalische Leidenschaft auch war und ist, sie blieb Hobby. „Ich wusste, dass ich nie so gut Klavier spielen können würde, dass es zum Beruf reichen würde.“ Die Organisation von Konzerten wiederum sei eine schwierige und undankbare Aufgabe, sagt Widmann und weiß, wovon er spricht. Er war Jazz-Programmverantwortlicher in der Börse, gründete die Jazz AG Wuppertal, war an Grenzüberschreitungen und am Wuppertaler Jazzmeeting beteiligt. Das umfassende Buch zur Wuppertaler Jazzgeschichte „Sounds like Whoopataal“, das er 2006 mitschrieb, sei zwar eine größere Sache gewesen, aber finanziell ein Zuschussgeschäft. Mit Jazz können eben nur wenige über die Runden kommen. Die Wuppertaler Musikszene sei zwar sehr kreativ und vielseitig, spiele auf hohem Niveau, gerade im Free Jazz mit Musikern wie Peter Brötzmann, Peter Kowald und Hans Reichel. Aber das seien keine Hitparadenstürmer gewesen. Und die Musik heute? Die biete nichts revolutionäres Neues im Unterschied zu den 60ern und ihrer aufregenden Aufbruchstimmung. Da sei zwar auch geklaut worden, aber eben innovativer als heute.

Und wie hört Rainer Widmann am liebsten Musik? Gern allein, aber auch im Hintergrund zum Lesen, gern mit anderen, wenn jeder seine Musik vorstelle. Bei der CD schätzt er das kleine, kompakte Format, das einfache Handling, den technisch perfekten Klang, weshalb er gute Studioproduktionen den Live-Mitschnitten, auch Konzerten, vorzieht. Es sei denn, sie seien so genial gemacht wie damals bei Frank Zappa.

Allerdings brachte ihn der Sohn vor Jahren aufs Streaming, so dass er seine CD jetzt vom Computer hört. Heute kaufe er sie nur noch, wenn ihr Booklet einen Mehrwert biete. Heute hört er vor allem Vinyl – liebt das Authentische, das Warme, das Knistern, das Haptische und die schönen Cover. Wie bei „Between the Buttons - L01“.