Solostück im Gewächshaus: "Die Odyssee" - Archaisch wie ein antiker Hirte

Solostück im Gewächshaus: "Die Odyssee" - Archaisch wie ein antiker Hirte

Miko Greza spielt "Die Odyssee" als Solostück im Gewächshaus.

Wuppertal. Der Held der griechischen Sagen ist von mächtiger Gestalt, doch er tritt leise auf. Beiläufig betritt Odysseus das Kalthaus des Botanischen Gartens, murmelt ein paar griechische Satzfetzen. Noch haben ihn gar nicht alle der knapp 30 Zuschauer bemerkt, die sich zwischen Pomeranzen und blühenden Kamelien verteilen.

Dann steht Odysseus mitten unter ihnen: „Sie wollen meine Geschichte hören? Immer und immer wieder muss ich sie erzählen. Seit 2700 Jahren ist meine Geschichte auch eure Geschichte.“ Denn sie ist eine unendliche Abfolge von Krieg, Leid und Verlusten. Archaisch wie ein antiker Hirte sieht Miko Greza in seinem Großraum-Mantel aus zotteligem Schaffell aus, der ihm spätestens im Warmhaus den Schweiß auf die Stirn treibt. Darunter trägt er ein offenes Jackett und den nackten Leib.

Bildreich erzählt Odysseus, vom Rausch im Land der Lotophagen und wie er dem Zyklopen Polyphemos das Auge ausgestochen hat. Wendet sich im Sprechen hierhin und dorthin, die Zuschauer sind frei, ihm bei seinem Solostück zu folgen oder das Schauspiel durch die Blätter zu beobachten. Gegen ihn hat Circe nichts ausrichten können, er hat die Sirenen überstanden, ebenso das grausige Paar Scylla und Charybdis.

Doch hier spricht keiner, der sich in der Erinnerung an seine glorreichen Abenteuer sonnt. Sicher, seine Listen sind legendär geworden, doch der Preis war hoch: „Ich habe alle meine Männer verloren.“

Regisseur Torsten Krug hat eine stimmige Textfassung erstellt, die alten Duktus und moderne Anspielungen fein ausbalanciert. Odysseus zeigt er nicht als strahlenden Helden unter Palmen, der wieder auf dem angestammten Thron von Ithaka sitzt, sondern als gebrochenen Menschen: „Vater, denkst du noch manchmal an die, die du umgebracht hast.“ Gelegentlich lässt er Geräusche ins Spiel hereinbranden — das Meeresrauschen passt uneingeschränkt, Gesang hätte man nicht unbedingt gebraucht.

Miko Greza ist als Kriegsheld, der zum Gärtner wird, nicht nur leibhaftig eine Wucht. Die Bilder, wie er sich das Gewächshaus von innen und außen aneignet, bleiben lange haften.

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