Profil: Die Gesellschaft zeigen, wie sie ist

Profil : Die Gesellschaft zeigen, wie sie ist

Schauspiel und Glanzstoff Akademie bereiten inklusives Ausbildungsstudio vor. Start im Herbst.

Thomas Braus beendet seine zweite Spielzeit als Schauspiel-Intendant und bringt kurz vor der Sommerpause schnell noch ein Herzensanliegen auf den Weg: Das inklusive Schauspielstudio, das ganz viel mit seinem Verständnis von Bühne als Ort, der die Gesellschaft so zeigt, wie sie ist, und mit seiner Biographie als Zivildienstleistender und Auszubildender in einem Heim für Behinderte zu tun hat. Am Wochenende werden Kandidaten ausgesucht, die in diesem Studio das Schauspielhandwerk professionell erlernen werden. Ein (vorerst) auf drei Jahre befristetes Projekt, das Menschen mit Handicap eine feste Teilhabe am Wuppertaler Schauspiel ermöglichen soll.

„Neue Wege“ heißt das Förderprogramm des Kulturministeriums NRW, das die Profile der Theater im Land schärfen soll. Das Wuppertaler Schauspiel bewarb sich, um sein Standbein Teilhabe-Theater auszubauen. Ihm wurden 347 000 Euro zugesprochen, die es nun gemeinsam mit seinem Partner, dem Verein Glanzstoff Akademie für inklusive Künste, in das inklusive Schauspielstudio stecken will. Ein kräftiger Schub für den gleich zu Beginn von Braus’ Intendanz geschlossenen Kooperationsvertrag der beiden. Heißt: Der Gedanke der Inklusion kann konsquenter verfolgt und behinderten Menschen eine professionelle Schauspielausbildung ermöglicht werden. Die wird zwar – aus rechtlichen Gründen – nicht mit einem Abschlusszeugnis gekrönt, soll aber auch beeinträchtige Menschen Bühnenreife erlangen lassen, damit sie auf anderen Theaterbühnen bestehen, und, wenn es nach Braus geht, sich bei Agenturen bewerben können. „Unser Ziel lautet, maximal vier Menschen mit einem Handicap durch Kurse, Lehrer und praktisches Arbeiten die Fertigkeiten eines Schauspielers zu vermitteln.“

Erste Produktion ist Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“

Ein Angebot, dass so in Deutschland neu ist: „Es gibt weder eine Schauspielausbildung für Behinderte noch Theater, die auch behinderte Schauspieler beschäftigen. Auch wir haben bislang keine Inklusion“, sagt Braus und betont die Bedeutung der Teilhabe für das Theater: „Im Zentrum der Bühne steht für mich der Mensch – so vielfältig, wie er ist.“ Und: Ihm selbst hätten behinderte Menschen „eigene Welten“ erschlossen, eine Bereicherung, die er nicht missen will. Die genaue Struktur wird noch festgelegt, der Unterricht, der im Oktober beginnt, geplant. Fest steht dagegen, dass pro Jahr eine inklusive Produktion erarbeitet wird, die in den Spielpan einfließt. Bardia Rousta, Leiter der Glanzstoff Akademie, hat Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“ ausgesucht, weil es „viele Akteure um die Hauptfigur des heimkehrenden Soldaten Beckmann herumgruppieren kann, mit denen man individuell arbeiten kann“. Die Premiere ist für März 2020 terminiert, mit dabei sind auch zwei bis vier Schüler der Kölner Schauspielschule „Der Keller“ (die am heutigen Freitag ausgewählt werden) und Mitglieder des Wuppertaler Ensembles. An der Musikhochschule Wuppertal wird Sprecherziehung und Stimmbildung unterrichtet, „ein Brückenschlag“, der auch den Studierenden zugute kommen soll, wenn sie später Schüler mit Handicap anleiten sollen. Das Dozententeam um Bardia und Braus wird derzeit gebildet. Die Schüler mit Behinderung werden am kommenden Sonntag aus acht Kandidaten ausgewählt. Die Bewerbungsfrist soll aber darüber hinaus noch einige Monate andauern.

Die Glanzstoff Akademie als Partner bringt ihr langjähriges Knowhow ein, plant daneben ihre eigenen Produktionen, mit der Premiere „Mir nach!“ am heutigen Freitag (siehe Kasten) und „Till Eulenspiegel“ im April 2020. „Das wird spannend, wir wissen ja gar nicht, wer kommt. Das gibt viele neue Impulse für unsere Arbeit“, sagt Uwe Schinkel von der Akademie mit Freude. Die Spielzeit 2020/21, so Braus, werde dann mit allen eröffnet. Thema: das dann beginnende Engelsjahr.

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