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Die Bühnen-Chefs fordern das Ende der Depression

Die Bühnen-Chefs fordern das Ende der Depression

Interview: Die Intendanten sehen sich nicht in der Opferrolle, fordern aber Hilfe vom Land. Denn: „Noch mehr sparen können wir nicht.“

Wuppertal. Am Mittwoch wird im Kulturausschuss ein Gutachten über die Zukunftsfähigkeit der Wuppertaler Bühnen vorgestellt. Damit dürfte die Diskussion darüber, ob alle Sparten erhalten werden können, zusätzlich Fahrt aufnehmen. Schon seit Monaten wird über die geplante Etatkürzung von zwei Millionen Euro im Rahmen der städtischen Haushaltskonsolidierung debattiert. Wo wollen Sie sparen, wenn das Angedrohte tatsächlich Realität wird?

Christian von Treskow: Das Gutachten besagt, dass wir nicht weiter sparen können. Johannes Weigand: Und dass wir ein effizient arbeitender Betrieb sind. Wir schmeißen das Geld nicht zum Fenster heraus. Im Gegenteil.

Weigand: Theater ist kein Massenprodukt von der Stange. Jede Aufführung, die wir produzieren, ist so individuell wie die Menschen, die daran arbeiten. VonTreskow: Dafür brauchen wir genau die Menschen, die wir haben, und die müssen nun einmal bezahlt werden für ihre Arbeit.

Weigand: Nein, denn wenn man weniger Ensemblemitglieder hat, braucht man mehr Gäste, und das kostet. Grundsätzlich gilt: Je kleiner das Ensemble, desto teurer der Betrieb. Um einen abwechslungsreichen Spielplan zu garantieren, brauche ich verschiedene Arten von Sängern, verschiedene Stimmfächer. Ein lyrischer Sopran ist ein lyrischer Sopran und kein dramatischer Sopran. Unsere derzeit 13 Sänger können also nur einen Teil des Repertoires abdecken. Den Rest übernehmen Gäste. Das sind Freiberufler, die mit eigenem Risiko arbeiten. Im Schnitt verdienen sie an einem Abend so viel wie ein Wuppertaler Ensemblemitglied in zwei bis vier Wochen.

Von Treskow: Man muss bedenken, dass Ensemblemitglieder in Wuppertal sehr wenig verdienen. Ein junger lediger Schauspieler bekommt 900 Euro ’raus. Dafür schuftet er - nicht nur abends, bei den Vorstellungen und durchschnittlich sechs Premieren pro Spielzeit, sondern auch bei den Proben. Schauspielen ist harte Arbeit, vergleichbar mit der eines Spitzensportlers, der zu bestimmter Zeit in Form sein muss und dafür ständig an sich arbeitet. Das ist eine Schinderei und geht nur, wenn man seinen Beruf als Berufung begreift.

Weigand: Nein. Wenn wir das machen, kommt kein guter Sänger mehr ans Haus. Für zwei mittelgroße Partien kommt niemand in ein Festengagement. Außerdem möchte das Wuppertaler Publikum, dass Stücke über einen langen Zeitraum laufen. Die Zuschauer möchten von den Stücken hören und sich davon erzählen können. Wir versuchen, mit dem, was wir haben, so viele Produktionen und Vorstellungen zu zeigen wie möglich. Das ist unsere Kunst. Dabei sind wir an der Kapazitätsgrenze angelangt. Da ist nicht mehr viel Luft.

Von Treskow: Die Verwaltung ist in Wuppertal so schlank wie an keinem anderen Theater, das ich kenne. Sie ist kein Wasserkopf, eher ein Stecknadelkopf. Und dabei hocheffizient. Weigand: Überhaupt sind alle unsere Abteilungen sehr schlank. Wir haben viele Bereiche, die einfach sein müssen - von der Dekoration bis zu Notenbibliothek und Maske. Überall arbeiten Fachleute.

Von Treskow: Seit zehn Jahren gibt es faktisch immer weniger Geld für die künstlerische Arbeit. Die Bezirksregierung verhindert, dass bei den Bühnen die steigenden Lohnkosten durch die Stadt ausgeglichen werden. Deshalb mussten die Strukturen hier zwangsläufig auf ein Minimum verschlankt werden. Was von anderen Häusern in NRW jetzt gefordert wird, praktizieren die Wuppertaler Bühnen bereits seit langer, langer Zeit. Mehr geht nicht.

Von Treskow: Die Schauspiel-Sparte war schon in den vergangenen Jahren gefährdet. Die Sparten-Diskussion ist immer wieder präsent und wird auch in anderen Städten geführt. Weigand: Wir betreiben ein Zwei-Sparten-Haus zusammen, und genau das ist unsere Stärke. Keiner von uns versucht, seine Sparte zu puschen. Das hat sich für das Haus als sehr hilfreich und heilsam erwiesen.

Von Treskow: Wir fühlen uns nicht als Opfer angedrohter Sparmaßnahmen. Wir haben einen künstlerischen Aufbruch gestartet, der unbeirrt weitergeht, und wir möchten das Publikum auf diesem Weg mitnehmen.

Weigand: Es zeigt sich, dass das geht und Wuppertal eine tolle Stadt dafür ist.

Von Treskow: Hier gibt es noch kulturellen Humus. Es gärt. Die Leute wollen, dass etwas passiert. Jemand müsste jetzt hingehen und sagen: Schluss mit der Depression! Um Wuppertal wieder ins rechte Licht zu rücken, stehen wir für die Bühnen in der heutigen Form ein und fordern dafür vom Land NRW endlich den Anteil am Betriebskostenzuschuss, den andere Länder für ihre Stadttheater auch leisten. Damit könnte ein positives Zeichen gesetzt werden - gerade jetzt, wo Wuppertal die breite mediale Aufmerksamkeit hat.