Konzert: „Die Bratsche ist mein Instrument“

Konzert : „Die Bratsche ist mein Instrument“

Hikaru Moriyama ist Solistin beim dritten Uptown Classics-Konzert des Sinfonieorchesters.

Einige Menschen nehmen sich eine Midlifecrisis, andere starten durch. Hikaru Moriyama hat ihr neues Leben gleich mit einem anderen Kulturkreis auf einem anderen Kontinent verknüpft. Mit zwei Koffern und einer Bratsche kam die 40-jährige Japanerin vor 18 Jahren nach Wuppertal, bereicherte die Stadt um eine hervorragende Musikerin. Hat sie ihre Entscheidung jemals bereut? „Nein“, sagt sie entschieden: „Es war richtig.“ Am Wochenende ist die stellvertretende Solobratschistin des Sinfonieprchesters Wupeprtal zusammen mit Yusuke Hayashi (Violine) Solistin des dritten Uptown Classics-Konzerts.

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) war ein weltberühmter Komponist und ist bis heute einer der wenigen, die Musik für Bratsche geschrieben haben. Seine Sinfonia concertante Es-Dur KV 364 bedarf freilich auch der Violine. Da trifft es sich gut, dass Hikaru Moriyama in Yusuke Hayashi einen Kollegen im Sinfonieorchester hat, den sie sehr schätzt und aus vielen Konzerten als Gegenüber gut kennt. Und dass Generalmusikdirektorin Julia Jones beider Wunsch, das Stück zu spielen, erfüllt. In der Wuppertaler Friedhofskirche am Freitag und in der Hattinger Henrichshütte am Samstag. Moriyama freut sich auf die Konzerte, weil Uptown Classics ein kleines Orchester und ein spontanes Spiel erlauben. „Das macht viel Spaß, auch weil wir näher am Publikum sind.“

Als Hikaru 1960 in Matsumoto geboren wurde, „wussten“ nur ihre Eltern, beide Musiklehrer, dass ihre Tochter einen musikalischen Weg einschlagen würde. Der Vierjährigen gaben sie eine Geige und ließen sie nach der für kleine Kinder konzipierten Suzuki-Methode unterrichten, die der Geiger und Pädagoge Suzuki Shinchi (1898 bis 1998) in ihrer Heimatstadt begründet hatte. Zwar gewann Hikaru die Geige rasch lieb, das Üben aber, lächelt sie, sei ihr zunächst schwer gefallen. Gleichwohl besuchte sie mit 16 Jahren die obere Musikschule, kam dort zum Zusammenspiel mit anderen und wechselte das Instrument. „Im Orchester fehlte eine Bratsche. Ich nahm sie in die Hand und wusste: ‚Das ist mein Instrument’.“ Drei Jahre lang spielte sie zweigleisig, mit 19 entschied sie sich für die Bratsche, „weil ich innen immer mitsinge. Meine Stimme ist nicht so hoch wie die Geige, die Bratsche passt zu mir“.

Nach der Schule, dem Besuch der Musikhochschule und einer Orientierungsphase nahm sie eine Stelle beim New Japan Philharmonic Orchestra an, blieb dort 15 Jahre. Kam an einen Punkt, an dem sie entschied, nicht mehr einfach so weiter zu machen. Und weil Europa nun mal die Wiege der klassischen Musik ist und sie dort einige Meisterkurse besucht hatte, bewarb sie sich. Ihr erstes Probespiel führte sie im November 2001 nach Wuppertal.

Beim ersten Sinfoniekonzert in der Stadthalle ging die Sonne auf

Es folgten drei Monate des Wartens auf die Arbeitserlaubnis und eine Art Bewährungsprobe. Weniger, weil die Japanerin noch Deutsch lernen musste, mehr, weil ihr das typische, deutsche Winterwetter zu schaffen machte. Aber als dann Ende Februar 2002 bei ihrem ersten Sinfoniekonzert in der Stadthalle an einem Sonntagvormittag die Sonne aufging, erlebte sie einen wunderbaren Moment, den „ich nie vergessen werde“.

18 Jahre später ist die Japanerin längst in Wuppertal angekommen. Die Arbeit sei ihr wichtig, vor allem aber die menschliche Verbindung mit den Kollegen. Ihr Lebenspartner ist Berufsmusiker, seit rund zehn Jahren wohnt sie „in einer sehr schönen Wohnung“, deren Vermieterin großes Verständnis für ihren Beruf und die damit verbundenen Proben hat. Ihre Lieblingskomponisten sind Robert Schumann und Ludwig van Beethoven. Ihr Lieblingsinstrument ist eine wertvolle Bratsche von Antonius Hieronymus Amati aus dem 17. Jahrhundert, für die sie lange Zeit einen Kredit abzahlen musste.

Fehlt ihr die Heimat? „Eigentlich nicht“, sagt Hikaru Moriyama, die in ihrer freien Zeit die mittlerweile allein lebende, 90-jährige Mutter in Japan besucht. Ein-, zweimal war diese bei der Tochter in Wuppertal, „sie weiß alles und ist sehr zufrieden, dass ich als Musikerin in Europa lebe“.

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