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Die belgischen Künstler Simon Somma und Marc Chutney stellen im Kunstkomplex aus

Die belgischen Künstler Simon Somma und Marc Chutney stellen im Kunstkomplex aus : Ausdrucksvolle Abbilder der inneren Nöte des Menschen

Die belgischen Künstler Simon Somma und Marc Chutney stellen im Kunstkomplex aus.

Wenn man seine Skulpturen sieht, meint man Schreie zu hören, die erstickt sind, nie zu hören waren. „Silence et crie“ hat der  Lütticher Simon Somma ein großes weißes Gesicht mit  leeren Augen und weit geöffnetem Mund betitelt,  seine Ausstellung gleich mit, die er seit dem Wochenende im Kunstkomplex an der Hofaue bestreitet. Weil die Plastik  repräsentativ für alle Arbeiten ist, die er in seiner ersten Einzelaussellung bei Galeristin Nicole Bardohl zeigt.

Eine Art zweiter Start, nachdem er  im Februar zusammen mit sechs weiteren belgischen Künstlern an der zweiten „Artist’s Choice“ im Kunstkomplex teilgenommen hatte. Bis im März der Lockdown dazwischen fuhr. Sein Landsmann Reinbold Acher hatte die Ausstellung zusammen mit Nicole Bardohl  kuratiert. Nun bringt Simon Somma einen weiteren Belgier ausLüttich mit nach Wuppertal: Marc Chutney, der das Hinterzimmer mit seinen Bildern bespielt.

Stille Schreie, die den geöffneten Mund nicht verlassen

Aus synthetischem Porzellan hat Simon das Gesicht modelliert, nach einer Zeichnung, die er vorher gefertigt hatte. In die lockigen, kurzen  Haare hat er Vögel und menschliche Herzen geflochten. Die Skulptur hängt (wie eine Hirschkopf-Trophäe) an der Wand, Zeugnis innerer Nöte, die nach draußen drängen. Sie stehen für das Bedürfnis nach Freiheit, den Drang, leben zu wollen, beschreibt der Künstler. Und nicht zu können, nicht zu dürfen? Das lässt der 39-Jährige offen. Bardohl fasziniert die „erschreckende Ästhetik“ Sommas, erklärt sie. Die Kombination aus Poesie und innerer Not, die Brechung von Sehgewohnheiten.  Die bewusste Mischung auch bei den Materialien. Sie hat seine Vertretung übernommen.

18 Skulpturen und fünf Zeichnungen hat der Belgier gemeinsam mit der Galeristin in Wuppertal aufgestellt oder gehängt. Einige enstanden erst in diesem Jahr: Der Lockdown brachte ihn zur intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst. Er schuf eine durchgängig weiß gehaltene Reihe von sechs Selbstporträts, die er mit ovalen,  Blumen umränkten Rahmen umfasste. Schält  sein Gesicht Stück für Stück und Bild für Bild aus einem in den Raum ragenden Block synthetischen Porzellans heraus. Bis es freigelegt ist und doch verschlossen bleibt - die Augen zu, eine Atemschutzmaske mit großem Filter bedeckt das halbe Gesicht. Das Arbeitsutensil des Bildhauers weckt Assoziationen an die Coronakrise. „Carving void“ heißt die Reihe, die man in beide Richtungen lesen kann - als Versuch sich zu öffnen oder zu verschließen.

Die innere Landschaft des Menschen ist auch Thema der 2018 geschaffenen silbern lackierten Kunstharzbüste „Landcape“. Auch sie ein Selbstporträt Sommas, bestehend aus verschiedenen Schichten, die  organisch ineinaner übergehen, auseinanderquellen. Bei „Zwischen zwei Mauern“ bahnt sich blauer Kunststoffschaum den Weg entlang zweier weißer Köpfe, deren in Flügel mündende Hinterköpfe aneinandergewachsen sind. Auch sie tragen große Schutzmasken. Die Arbeit entstand 2020, ist Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, die in diesem  Jahr der Pandemie mehr denn je den Spiegel vorgehalten bekommt, in ihren Grundfesten erschüttert wird und Existenzfragen zu verhandeln hat.

Die Psyche im Dschungel
ihrer eigenen Welten

Mit dem Menschen setzt sich auch der 40-jährige Marc Chutney auseinander -  beide Künster entwickeln ihre surrealen Welten im Figürlichen. 25 kleinformatige Zeichnungen hat  Chutney im Hinterzimmer aufgehängt. „Psyché dans la jungle“ zeigt die Psyche sprichwörtlich im Dschungel: intuitive Bilder in Rosa-, Pink- und Blautönen; mit Tusche, Fineliner, Aquarell oder auch Sprayfarbe umgesetzte feingliedrige und kleinteilige  Abbilder des menschlichen Kosmos. Menschen- oder Tier-Köpfe, Körper, Gliedmaßen, Bauten oder florale Elemente überlagern sich, wachsen in- und auseinander. Sind vielschichtige Traumwelten der  Wahrnehmung oder Erzählung.

Im Juni hatte Bardohl eine erste kleine Ausstellung nach dem Lockdown organisiert, auf die jetzige reguläre sollte eigentlich am 28. November noch eine richtig große Geburtstagsschau folgen. Sie sollte das zehnjährige Bestehen der Galerie mit „einer großen Sause und Weggefährten“ würdigen. So war der Plan vor der Coronakrise. Nun ist alles offen. „Wir müssen schauen“, überlegt Bardohl,  denkt über ein kleineres Format oder eine Verschiebung nach. Auf der Homepage steht noch das Datum.