Die andere Weihnachts-CD

Das neue Album der Formation Ufermann verbindet jazzige Choräle, Innerlichkeit und Sozialkritik.

Wuppertal. Wieso hat es diese CD nicht schon längst gegeben? Verjazzte Choräle und nachdenkliche Texte, mit denen die Formation Ufermann schon oft im Advent aufgetreten ist, bieten doch besten Stoff für ein Album — jedenfalls mehr als bei vielen anderen Bands, die einfach so eine CD mit dem Saison-Bonus herausbringen. Doch Ufermann weigerte sich bisher standhaft.

„Ich wollte nicht neben den all den ,Jingle Bells’-CDs liegen“, sagt Erhard Ufermann, seit vier Jahren Pfarrer an der evangelischen Citykirche und seit mehr als 20 Jahren als Texter und Komponist inhaltlicher Motor der Band. Neun CDs gab es, aber eben nichts Weihnachtliches.

Als jetzt ein Bekannter anbot, das Geld für die Weihnachts-Produktion vorzustrecken und die anderen Musiker das mitbekamen, gingen Ufermann allerdings die Gegenargumente aus.

Auf der zehnten CD „59 Minuten Weihnachten“ gehen nun guter Jazz-Drive und zarte Innerlichkeit eine anregende Verbindung mit gesellschaftskritischen Texte ein: „Heute würde man im Sozialbericht des Jugendamtes lesen können: Das Kind stammt aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Mutter zu jung, Vaterschaft unklar, Bedingungen fragwürdig. Risikogruppe. “

Ufermann steht nicht nur für das Spiel mit Jazz und Lyrik, sondern auch für den Austausch zwischen den Kulturen. So kombiniert die Band bekannte evangelische Lieder zur Weihnacht („Es kommt ein Schiff geladen“) organisch mit einem traditionellen arabischen Marienchoral und dem türkischen „Erneler Cemine“, das bei jedem alevitischen Gottesdienst zu Beginn gesungen wird — und von Harmonie und Rhythmus haargenau zu Martin Luthers „Verleih uns Frieden“ passt. Die Sopranistin Hayat Chaoui trägt die Lieder klassisch vor, dazwischen bekommen die Musiker immer wieder Platz für Improvisationen.

Textpassagen wie „Wer das System in Frage stellt und die Mächtigen verprellt, wird als Krimineller definiert“ sind geeignet, in höheren Kirchenetagen Ärger auszulösen. Haben sie bisher nicht — was Erhard Ufermann womöglich ein klein wenig schade findet.