Deutsche und israelische Studierende begleiten Lasker-Schülers „IchundIch“-Inszenierung.

Performance : Annäherung an eine extravagante Frau

Deutsche und israelische Studierende begleiten Lasker-Schülers „IchundIch“-Inszenierung des Schauspiels mit eigener Performance. Am Samstag ist Premiere.

Ein Megaphon, ein Koffer, ein Teppich – Gegenstände, die ein wenig verloren in der großen Werkhalle wirken. Die Studierenden, die seit Montag in der Villa eines Wuppertaler Sponsors wohnen, haben sie aus dem Fundes der Bühnen „angefordert“. Was genau sie damit machen werden, steht noch nicht fest. In den nächsten Tagen werden sie in Teile einer Performance verwandelt, die die jungen Leute zur „IchundIch“-Aufführung von Wuppertaler Schauspiel und internationalen Kooperationspartnern beitragen. Am Samstag ist Premiere in den Riedelhallen.

„IchundIch“ hat Else Lasker-Schüler 1941 in ihrem Jerusalemer Exil geschrieben. Es ist ihre Auseinandersetzung mit Goethes Faust, mit Nationalsozialismus und Verfolgung, mit dem Guten und dem Bösen im Menschen und in der Welt. Eine Tragödie, ein schwieriges Stück und der Beitrag des Schauspiels zum Jubiläumsjahr seiner Autorin, die 1869, vor 150 Jahren, in Elberfeld geboren wurde. Dort aufwuchs, bevor sie nach Berlin ging, dort eine der wichtigsten Vertreterinnen des Expressionismus wurde. Intendant Thomas Braus hat „IchundIch“ ausgewählt, weil es für ihn das spannendste Theaterstück Lasker-Schülers ist, weil es sich nicht einfach auf der Bühne herunterspielen lässt, zugleich einen anderen als den rein verehrenden Blick auf sie wirft. Unter der Regie der Israelin Dedi Baron arbeitet seit zwei Wochen ein internationales, spartenübergreifendes Team, zu dem auch Tänzer gehören, an einem außergewöhnlichen Ort, den Riedelhallen, an einer großen Crossover-Aufführung.

Ein Expermient für alle – für Deutsche wie Israelis

Der Aktualtität des Stücks trägt man auch auf andere Weise Rechnung: Junge Menschen werden im Rahmen eines Auorenprojekts mit „IchundIch“ befasst. „Um einen anderen Aspekt von Else Lasker-Schüler zu zeigen, holten wir Studierende von Dedi Baron in Tel Aviv ins Boot.“ Ihre Aufgabe: Das erst vor zwei Jahren von Professor Gad Kaynar ins Hebräische übersetzte Stück sowie Goethes Faust zu lesen und sich damit auseinanderzusetzen. Studierende, die unter der Leitung von John von Düffel an der Universität der Künste Berlin szenisches Schreiben lernen, taten tausende Kilometer entfernt das Gleiche. Insgesamt neun Studierende arbeiteten so ein Dreivierteljahr, kommunizierten und verständigten sich in englischer Sprache über eMails und Skype. Die Abreitsteilung war durch die Studiengänge vorgegeben: In Berlin wurde geschrieben, in Israel an der Inszenierung getüftelt. „Wir wissen nicht, was herausgekommen ist“, meint Braus gespannt zum Ausgang des Experiments.

Das ist es auch für Yotam Gotal, einer von insgesamt vier Studierenden aus Tel Aviv. Im letzten Jahr kannte er nur den Namen Lasker-Schüler: „In Israel ist sie nur in kulturellen Kreisen bekannt. Ich wollte diese Frau entdecken, die so ganz anders war“, begründet er seine Projektteilnahme. Auch Peter Neugschwentner, der sich im Rahmen seines Studiums mit der Autorin befasst hat, interessiert die „extravagante wie mutige, teilweise auch aggressive Frau“, die eine Brücke zwischen Naturalismus und Expressionismus geschlagen habe. Dabei fiel der Weg in den rauen und schwierigen Text nicht leicht, bestätigt Natalie Glick Shalom, die vor dem Projekt schon Faust gelesen und sich diesen leichter erschlossen hatte.

Aus der Auseinandersetzung entwickelten sich mehrere Themen – politische, literarische, philosophische oder auch jüdische. Basis für verschiedene Inszenierungen, die nun auf den speziellen Ort reagieren sollen, so Yotam Gotal. Johannes Koch und Elias Kosanke haben Briefe an Lasker-Schüler geschrieben, die zum Beispiel Nationalsozialismus und aktuellen Faschismus thematisieren, „weil Briefe eine interessante Form sind, um mit ihr in einen Dialog zu treten“, so Elias. Natalie und Peter wollen ihre Auseinandersetzung mit dem Nachwort des Stücks im Firmengarten zeigen. Sina Ahlers’ Beitrag befasst sich mit der Thematik der zwei Identitäten eines Menschen bei Lasker-Schüler. Mehr wollen die Studierenden nicht von ihrer deutsch-englisch-herbräischen Performance verraten, die wie eine politische Demonstration organisiert werden könnte. Die Kürze der Zeit findet Yotan dabei gut und erfrischend: „Was kommt, das kommt.“ Und Braus schließt den Kreis: „Das passt gut zu unserem Vorgehen. Auch wir arbeiten organisatorisch und örtlich auf ungewohntem Terrain.“

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