Der Vollblutschauspieler Claus Wilcke wird 80 Jahre alt.

Geburtstag : „Die Wuppertaler mag ich, weil sie reell sind“

Interview Der Vollblutschauspieler Claus Wilcke wird 80 Jahre alt. Solange er gesund bleibt, will er weiter auf der Bühne stehen.

Er ist ein Workaholic und ein Schauspieler alter Schule. Hat seinen vielfältigen Beruf von der Pike auf gelernt. Als Percy Stuart wurde er dem deutschen Fernsehpublikum Ende der 60er Jahre bekannt, als Synchronsprecher hat er internationalen Stars wie Omar Sharif und Warren Beatty seine markante Stimme geliehen. Stand dennoch vor allem auf der Theaterbühne. Am 12. August wird der vielfach ausgezeichnete Claus Wilcke 80 Jahre alt. Was der gebürtige Bremer und überzeugte Wahl-Wuppertaler über seinen Beruf denkt, warum ihm seine Mutter auch heute noch überaus wichtig ist und welche Rollen er besonders gerne gespielt hat, erzählt er im Gespräch mit der Westdeutschen Zeitung.

Wie sind Sie zum Schauspielberuf gekommen?

Claus Wilcke: Schon während meiner Lehre bei einem Import-Export-Geschäft für Wolle habe ich heimlich privat Schauspielunterricht genommen. Die künstlerische Ader habe ich von meiner Mutter, die wunderbar singen und noch besser Klavier spielen konnte. Irgendwann habe ich meinen Lehrherren die Wahrheit gesagt und sie zu einer Vorstellung eingeladen. Danach waren sie begeistert. Nur mein Vater war unglücklich, weil er die Lehrstelle besorgt hatte.

Ihre erste Rolle...

Wilcke: ... war 1956/57 die des Fischerknaben in „Wilhelm Tell“. Ich habe mir vor lauter Angst fast in die Hosen gemacht, denn das Theater am Goetheplatz in Bremen ist riesengroß. Während meiner Schauspiel- und Gesangsausbildung, die ich mit einem „sehr gut“ bei der staatlichen Abschlussprüfung abschloss, stand ich aber auch schon auf der Bühne.

Mit welcher Rolle kam der Durchbruch?

Wilcke: Ich spielte an den Kammerspielen in München in dem Stück „Squirrel“. Ein Riesenerfolg, der Olga Tschechowa, Grande Dame des deutschen Films, auf mich aufmerksam machte. Durch sie kam ich 1958 zu meinem ersten Kinofilm „Meine 99 Bräute“, zusammen mit der Schauspieler-Prominenz der damaligen Zeit. Es folgten weitere Filme und ich geriet ins Blickfeld der Fernsehmacher.

Wie kamen Sie zur Rolle des Percy Stuart, in die Sie für 52 Folgen von 1969 bis 1972 schlüpften?

Wilcke: Der Hamburger Film- und Fernsehproduzent Horst Lockau lud mich zu einem Vorstellungstermin mit vielen ZDF-Leuten ein. Da wurde alles geprüft, von meiner Fitness bis zu Umfragen zu meiner Publikumswirkung. Es passte alles. Und „Percy Stuart“ wurde ein Straßenfeger. Darüber wurde auch viel berichtet. Meine Mutter sammelte die Titelbilder von mir. Ich habe die Rolle sehr gerne gespielt, bin auch gerne deutscher James Bond genannt worden. Immerhin löste ich nicht nur Fälle, sondern musste auch sehr sportlich sein, von galoppierenden Pferden herunter springen oder einen Überschlag auf dem fahrenden Auto machen. Ein Double gab es nicht.

Hatten Sie Ihre Lieblingsrolle gefunden?

Wilcke: Nein, dafür war ich als Percy Stuart zu wenig gefordert. Ich drehte tagsüber, spielte abends Theater und synchronisierte manchmal in der Nacht. Auf Kosten meines Privatlebens. Eine Lieblingsrolle ist eher der Milchmann Tevje in „Anatevka“ oder Vater Doolittle in „My Fair Lady“ oder der Jude Schultz in „Cabaret“.

Mögen Sie Krimis?

Wilcke: Ja. Ich habe auch schon viele Kommissare gespielt.

Was bedeutet Ihnen das Theater?

Wilcke: Das Theater ist das Lebendigste, Ehrlichste, was es gibt. Man muss das Publikum so fesseln, dass es nicht zum Nachdenken kommt, einfach zuhören muss. Beim Theater kann man aufleben und arbeiten. Etwa 1700 Mal habe ich in einer Doppelrolle als Monsieur Oscar und Student Nestor in „Irma La Douce“ auf der Bühne gestanden, allein 360 Mal davon im Theater des Westens in Berlin.

Was bedeutet Ihnen der Film?

Wilcke: Der Film ist etwas Wunderbares für den Moment, erfordert die ganze mentale Konzentration für eine kurze Szene. Es ist reizvoll, wenn daraus ein harmonisches Ganzes wird und die Rolle, die man spielt, gut ist.

Was bedeutet Ihnen Ihre Stimme?

Wilcke: Es gibt Leute, die mich auf der Straße an meiner Stimme erkennen, weil ich so viel synchronisiere und Hörspiele einspreche. Es ist wichtig, dass die Stimme phonetisch und technisch ausgebildet wird. Ich hatte eine hervorragende Lehrerin und arbeite heute noch an meiner Stimme, gehe gerne alleine im Wald spazieren und probe dann laut. Leider ist die Synchronisation eine anonyme Kunst.

Was ist Ihnen am wichtigsten?

Wilcke: Theater, Film und Synchronisation sind gleich wichtig. Ich gehe an alle Manuskripte mit großer Ehrfurcht und Respekt heran, bereite mich vor. Als Schauspieler sollte man vielseitig aufgestellt sein, um auch dann noch seine Miete zahlen zu können, wenn mal ein Bereich wegbricht.

Wie hat sich Ihr Beruf verändert?

Wilcke: Durch die Technik ist alles viel schneller geworden. Wenn wir früher vier Wochen für 35 Minuten Film gebraucht haben, ist es heute ein Tag. Es herrscht Zeitdruck und ist oft sehr unpersönlich. Dennoch freue ich mich, dass ich immer noch dabei bin.

Warum arbeiten Sie noch?

Wilcke: Die Arbeit ist ein gutes Training. Es gibt nichts Schlimmeres als wenn es mit 65 heißt: „Willkommen im Club.“ Ohne Ziele und Aufgaben stirbt man früher. Als meine Mutter mit 90 erblindete, da war ich Anfang 70 und wollte meinen Job aufgeben, um mich um sie zu kümmern. Doch sie sagte, das ginge nicht, ich hätte eine Aufgabe. Solange ich gesund wäre, müsse ich spielen. Das sei ich dem Publikum schuldig. Wenn mein Kopf nicht mehr mitspielt und ich nicht mehr auswendig lernen kann, dann höre ich auf. Auch das ist ein Rat meiner Mutter.

Wie halten Sie sich fit?

Wilcke: Nicht alles essen, nicht alles trinken, viele kleine Mahlzeiten, sich bewegen. Ich schwimme leidenschaftlich gerne. Mal ein Glas Wein, mal eine Zigarette.

An welchem Stück arbeiten Sie gerade?

Wilcke: Wir proben für „Das Sherlock Musical“, das am 13. September im Kölner Urania Theater uraufgeführt wird. Ich spiele den Watson.

Wie feiern Sie Ihren runden Geburtstag?

Wilcke: Da es leider ein Montag ist, arbeite ich und feiere nur ein wenig im kleinen Freundeskreis. Vielleicht hole ich das aber an einem freien Tag in meinem Haus auf Mallorca nach.

Sie leben seit sieben Jahren in Wuppertal.

Wilcke: Leidenschaftlich gern. Ich habe eine hübsche Wohnung mit Fahrstuhl und schönem Balkon an der Friedrich-Engels-Allee, die ich gerne mit der New Yorker Fifth Avenue vergleiche. Ich habe alles, von der Bank, über Ärzte bis hin zum Einkaufen in der Nähe. Außerdem erreiche ich in zehn Minuten in Wuppertal mehr Grün als in jeder anderen deutschen Stadt. Die Menschen mag ich, weil sie konkret und reell sind, ein Ja ein Ja und ein Nein ein Nein ist wie bei uns in Bremen. Und in Wuppertal sind die Preise noch so, dass man es sich leisten kann, hier zu leben.