Der Skulpturenpark Waldfrieden zeigt Skulpturen von Joan Miró aus den Jahren 1970 bis 1982.

Wuppertal. : Die Wunder des Alltags

Der Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal zeigt Skulpturen von Joan Miró aus den Jahren 1970 bis 1982.

Große Bildhauerkunst in einer bezaubernden Umgebung ist eine ideale Paarung. Tony Cragg hat sie vor mehr als zehn Jahren im Skulpturenpark Waldfrieden geschaffen. Ideal eben. Nun wurden sukzessive zwölf Skulpturen von Jean Miró in den Park oberhalb Unterbarmens transportiert. Am Donnerstag von Leihgeber Peter Murray, der in Yorkshire einen 200 Hektar großen Skulpurenpark geschaffen hat, und Joan Punyet Miró, Enkel, Verwalter des Vermächtnisses des großen Künstlers und ebenfalls Leihgeber (Successió Miro´), präsentiert. Der Park ist nun noch zauberhafter. Noch idealer.

Miró (1893 bis 1983) gehört wie Matisse, Picasso oder Kandinsky zu den Begründern der klassischen Moderne. Nach seinem Kunststudium in Barcelona ging er in den 1920er Jahren nach Paris. Der anfänglich noch figurativ arbeitende Künstler setzte sich mit den aktuellen Kunstströmungen auseinander, nahm fauvistische, kubistische Einflüsse auf, bevor er sich dem Surrealismus anschloss. Wie andere namhafte Künstler seiner Zeit war er nicht nur Maler und Grafiker (obwohl er vor allem dadurch berühmt wurde), sondern mit zunehmendem Alter auch Keramiker, schuf schließlich ein bedeutsames bildhauerisches Werk. Er hinterließ etwa 2000 Ölgemälde, 500 Skulpturen, 400 Keramiken, 5000 Collagen und Zeichnungen.

Miró selbst erzählte einmal, dass ihn eine Übung seines Lehrer Francesco Galli an der Escola d’Art von Barcelona den Weg zur Skulptur gewiesen habe. Er habe ihn mit verbundenen Augen verschiedene Gegenstände ertasten lassen, um die Form zu „sehen“, die er anschließend zeichnen sollte. Dabei ging es dem Künstler nicht um die Schönheit der Form, sondern um ihre Ausstrahlung, um ihre Verwendung in seinen Objekten. Er spielte gerne mit wesensfremden Dingen –  einer Muschel, einem  Stein –, verband sie auf groteske wie poetische Weise zu wundersamen wie erstaunlich harmonischen Figuren. Fantasievolle, naive, Gestalten, denen er in Erinnerung an seine Ausbildungszeit in Paris französische Namen gab. Zunächst bemalte er diese, auch seine Bildwelten waren sehr farbenfroh. Bis ihm ein Galerist davon abriet, weil dies damals nicht üblich war, erinnert sein Enkel.

Ob ein Hühnerbein, das Miró beim Familienessen einsteckte, oder eine Tischdecke im Restaurant, ein Handseifenhalter im Badezimmer oder ein Zeitmesser – alles war verwendbar.   Joan Punyet Miró kennt die Geschichten zu jeder einzelnen Skulptur, erzählt, dass diese stets mit den Dingen des Alltags zu tun haben: „Man nimmt einen Stein und es ist ein Stein. Wenn Miró einen Stein nimmt, ist es ein Miró.“ Punyet Miró hat den Nachlass seines Großvaters bearbeitet, eine Mammutaufgabe, die mehrere Jahre benötigte. Dazu gehörte auch die Katalogisierung der Bücher aus Mirós Bibliothek, in die er sich stets am Nachmittag zurückzog, um bewusst Musik zu hören, so Punyet Miró.

Er arbeitete in absoluter
und entspannter Freiheit

Drei tonnenschwere Skulpturen waren schon im vergangenen November in der unteren Halle des Skulpturenparks zu sehen. Eine der Dauerleihgabe der in Palma ansässigen Successió Miró. Nun sind die drei in die mittlere Halle hochgewandert, die sie zusammen mit fünf weiteren Objekten des Yorkshire Skulpturenparks bevölkern. Cragg hatte sie bei seinem Freund Murray ausgesucht. Hinzu kommen zwei weitere Objekte im Park und zwei in der Villa Waldfrieden. Fast alle sind aus Bronze, zwei aus Gips gefertigt. Die älteste wurde 1970, die jüngste 1982 geschaffen. Die größte ist 2,20 Meter hoch, die kleinste misst nur 53 Zentimeter in der Höhe. Alle sind in gedeckten Farben gehalten, variieren zwischen Schwarz, Grün und dunklem Weiß. Sie heißen Personnage, Femme, Tête (femme), Figure, Matérnite. Begriffe, die wenig vorgeben, eher die Fantasie zum Spaziergang einladen.

„Wir waren seit zwei, drei Jahren im Gespräch. Es ist uns eine Freude und Ehre, dass wir sie jetzt zeigen dürfen“, erklärt Tony Cragg stolz und betont die Bedeutung Mirós für die Entwicklung der Bildhauerkunst im 20. Jahrhundert, indem er das Figurative verlassen und sie in die „absolute und entspannte Freiheit“ geführt habe. Mirós Bildhauerei gehe  zwecklos mit der Materie um, eröffne so eine neue Sprache, neue Perspektiven. Er zeige die Seiten der Realität, die nicht wahrgenommen werden, habe niemanden beeindrucken müssen und so gelassen eine neue Sphäre, ein neues Land entdeckt. Auch Peter Murray ist von der geistigen Großzügigkeit Mirós beeindruckt, der in über 50 Jahren ein großartiges Werk geschaffen habe, das er mit Menschen teilen wollte. „Miró wollte Grenzen aufbrechen, Kommunikation zwischen Kulturen und Nationen erreichen – wie Cragg das auch tut“, sagt Murray und kritisiert die entgegengesetzte  aktuelle Politik in England. Miró sei ein Pionier gewesen, sein Einfluss bis heute nicht zu unterschätzen. Und Mirós Enkel sagt: „Er hatte eine große, grenzenlose Freiheit in der modernen Abstrakion gefunden.“

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