Der satte Klang entsteht im Kopf

Der satte Klang entsteht im Kopf

Der neue Erste Kapellmeister Johannes Pell stellt sich dem Publikum jetzt mit der Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ vor.

Wuppertal. Herr Pell, was hat Sie bewogen, als Erster Kapellmeister von Bonn an die Wupper zu wechseln?

Johannes Pell: Ich kam erwartungsfrei zum Vorspielen hergefahren und war sofort vom Orchester beeindruckt. Es hat einen schönen homogenen Klang — das haben gewachsene Klangkörper fast immer. Dazu kommen jedoch eine Riesenflexibiliät und enorme Aufgeschlossenheit. Wenn man sonst mit fremden Orchestern spielt, braucht man eine Gewöhnungsphase von 15 oder 20 Minuten. Hier waren wir von Anfang an auf einer Ebene.

Was erwartet die Zuschauer bei Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“?

Pell: Das wird eine Showoper, fast wie ein Musical: mit opulentem Bühnenbild und vielen Lichteffekten. Dafür ist die Handlung nicht immer logisch. Die Musik ist mal zackig, mal langsam und hat einiges an Filmmusik vorweggenommen. So hat John Williams zugegeben, dass er für „Star Wars“ bei Prokofjews Marsch abgekupfert hat.

Woran merken die Besucher, dass Sie am Pult stehen?

Dell: Im besten Fall am tiefen, satten Klang.

Sie sind auch Pianist, erarbeiten Sie das am Klavier?

Pell: Nein, ich gehe die Partitur im Kopf durch. Da kann ich mir den Klang umfassender vorstellen.

Was umfasst Ihre Stelle als erster Kapellmeister in Wuppertal genau?

Pell: Hinter Generalmusikdirektorin Julia Jones bin ich die zweite musikalische Kraft im Haus. Ich werde eigene Opern-Produktionen dirigieren und übernehme Stücke von der Chefin. Dann leite ich noch die Konzerte, die der Oper zugerechnet werden: also das Silvesterkonzert, den Ball der Schönen Künste und das Rosenmontagskonzert.

Fühlt es sich nicht sehr fremd an, wenn der Chef oder die Chefin eine Produktion einstudiert und Sie das Stück übernehmen?

Pell: Es geht, ich mache das eigentlich ganz gern. Es hat etwas Sportliches und ist gutes Nerventraining: Wie schnell funktioniert es mit dem Orchester?

Lassen Sie Ihre eigenen Ideen ganz außen vor?

Pell: Ich versuche erst einmal, es rein technisch und organisatorisch so zu übernehmen, dass es keine Verwirrung im Orchester gibt. Wenn ich das Stück aber fünf, acht oder zehn Mal dirigiere, dann kommt doch von Vorstellung zu Vorstellung mehr von mir dazu.

Sie waren drei Jahre in Erfurt und drei Jahre in Bonn. Wissen Sie schon, wie lange sie in Wuppertal bleiben?

Pell: Das habe ich nicht so schematisch vorgeplant, das ist situationsabhängig. Generell finde ich Wechsel wahnsinnig wichtig, damit ich nicht irgendwo klebenbleibe — auch wenn das anstrengend ist, gerade mit Familie. Aber nach drei oder vier Jahren kennt das Orchester einen wirklich gut. Dann wissen die Musiker: Wenn er einmal blinzelt, heißt es dies, bei zweimal heißt es das. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, zum nächsten Orchester zu wechseln.

Tragen Sie gern Frack?

Pell: Grundsätzlich ja, das ist zeitlos und sehr elegant. Meiner passt mir nur im Moment nicht so gut, weil ich nicht genug Sport gemacht habe. Am allerliebsten trage ich einen japanischen Stehkragen-Anzug, der ist einfach sehr bequem.

Sie waren schon mit 27 Jahren Orchesterleiter in Erfurt. Hatten Sie je Autoritätsprobleme?

Pell: Interessanterweise nie (klopft auf Holz). Ich hatte das Glück, dass mich mein Chef in Erfurt langsam an Sachen herangeführt hat. Ich bin auch gern mit den Musikern unterwegs, nicht nur weil man viel lernt, wenn man ihnen zuhört.