Kultur in Wuppertal: Der Aufbruch der Heike Fink

Kultur in Wuppertal : Der Aufbruch der Heike Fink

Die Wuppertaler Autorin und Filmemacherin ist mit dem Spielfilm „Aufbruch in die Freiheit“ erfolgreich.

Essen und Schreiben sei eine gute Mischung, findet Heike Fink. Essen sei entspannend, Hingabe, Genuss – ideal um Ideen zu entwickeln, die niedergeschrieben werden wollen. In Drehbüchern, Romanen. Weshalb die 51-Jährige zu gleichen Teilen Autorin und Filmemacherin ist. Als junge Erwachsene von 21 Jahren kam sie nach Wuppertal. 2019 ist wortwörtlich ihr „Aufbruchsjahr“: Ihr Film „Aufbruch in die Freiheit“ ist erfolgreich bei Publikum und Kritik.

 Heike Fink wurde 1968 im Schwäbischen, in Marbach am Neckar, geboren, die Eltern Köche, Metzger, Winzer. Die Tochter verband Schreiben und Essen, volontierte bei einer Fachzeitschrift für Gastronomie, war Testesserin. 1990 zog sie zum Studium der Literaturwissenschaften nach Wuppertal, das auf „das behütete Dorfkind“ wie eine Großstadt wirkte. Sie erinnert sich an den vielen Schnee, der damals lag, der im rötlichen Licht des hell bestrahlten Sonnborner Autobahnkreuzes leuchtete „wie Zuckerwatte“. Magisch sei das gewesen und ein fast märchenhafter Einstieg ins neue Leben. Der sich relativierte, als sie Köln und Berlin kennenlernte.

Doch sie lernte auch ihren späteren Mann kennen, einen (überzeugten) Barmer, mit dem sie nun „in der Elberfelder Enklave“ lebe. Sie nimmt teil am Geschehen in der Stadt, findet, dass diese ihre Chancen nicht gut nutze. Wie beim Umbau des Döppersbergs, der einen schönen Busbahnhof habe, aber eben auch unattraktive Geschäfte. Ihr Zuhause ist das Mirker Quartier, dessen Entwicklung weg vom leicht schäbigen Understatement sie erfreut und mit Sorge vor Gentrifizierung und Authentizitätsverlust erfüllt. „Wuppertal ist halbgeküsst. Ich bin neugierig, was in den nächsten fünf, sechs Jahren passiert“, sagt sie lächelnd.

Die Geschichten entscheiden
über die Erzählform

Der berufliche Weg ist durch Zufälle und lebenslanges Lernen geprägt. Zum ersten Drehbuch kam die Studentin durch einen Kollegen und angehenden Drehbuchautor, der mit ihr für eine RTL-Produktion das Pitchen übte. Weil seine Geschichten sie nicht überzeugten, schrieb sie ihm eine eigene. 2001 sendete RTL „Die Frau, die Freundin der Vergewaltiger“ – das Drehbuch hatte Fink geschrieben. Weitere Exposés und Ausbildungen im Drehbuchschreiben an der Hamburger Autorenschule und an der Drehbuchwerkstatt München schlossen sich an.

Vom Buch zum Film und zur idealen Mischung kam Fink 2008, als sie in Island war, um nach dem Weltkrieg ausgewanderte Frauen zu interviewen, und über die Masterclass Non-Fiction, die sie an der internationalen Filmschule Köln absolvierte. Es folgten zwei wichtige Projekte: das Drehbuch zu „Himbeer und Senf“ über ein Mädchen mit vier Problemen. Fink: „Es kann fliegen, hat einen Vater, der Bestatter ist und nach dem Tod ihrer Mutter eine Frau über Datingagenturen sucht und ist in den falschen Jungen verliebt.“

Das Buch wurde gefördert und für einen Preis nominiert, und Fink entwickelte daraus einen Jugendroman. Der Film aber wurde mangels Finanzierung nie gedreht, was sie bis heute bedauert. Der Dokufilm „Nice Places to Die“, der 2014 in die Kinos kam, basierte auf ihrem Drehbuch und führte zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und dem Buch „Mein Jahr mit dem Tod“, das 2018 auf dem Markt kam.

Zur Ablenkung vom düsteren Thema schrieb Fink viele Drehbücher, die zum Beispiel im Kinderkanal verfilmt wurden. Und sie entdeckte, ausgehend vom „Stern“-Cover vom 6. Juni 1971, auf dem prominente Frauen sich geoutet hatten, den Kampf für die legale Abtreibung, „ein Meilenstein der Emanzipation“, für sich. Den Spielfilm „Aufbruch in die Freiheit“, für den sie Idee und Drehbuchmitarbeit lieferte, sahen im Oktober 2018 4,27 Millionen Menschen im ZDF. Er erhielt dieses Jahr mehrere Auszeichnungen – den Hamburger Produzentenpreis, den deutschen Fernsehpreis, die Goldene Kamera –, wurde für den Grimme-Preis nominiert. Er machte Fink bekannt, brachte ihr viele Angebote ein. Aktuell ist sie mit einem Kinofilm, einer gesellschaftspolitischen Doku fürs Fernsehen und Exposéschreiben beschäftigt, bereitet 2020 vor.

Zum Arbeiten braucht die Filmemacherin und Autorin nur Platz für einen Schreibtisch, viele Zettel, Karteikarten, Stift oder Tastatur und ihre oft bildhaften Planungen, die ihr beim Drehbuchschreiben helfen. Dabei legt sie sich nicht auf eine Erzählform fest, die Geschichten entscheiden. Auch wenn sie es genießt, dass sie beim Roman selbstbestimmter arbeiten kann als beim Drehbuch. Aber, so Fink, am Anfang macht alles Spaß, dann komme meist eine Durststrecke. Beklagen will sie sich nicht: „Das Geschichtenerzählen ist ein Grundbedürfnis, das Filmen Luxus.“ Vielleicht dreht sie ja auch mal einen Film übers Essen. Gute (Film-)Ideen hat es ihr schon reichlich beschert.

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