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Der 90-jährige KH. W. Steckelings zeigt bei der BKG "Capriccio - Bilder aus Italien"

Ausstellung : Lebendige Fotografien, die Fragen stellen

Der 90-jährige KH. W. Steckelings zeigt bei der BKG "Capriccio - Bilder aus Italien".

Er sei kein Künstler – er sei Fotograf, ein Bildermacher. „Ob meine Bilder gut sind oder schlecht, das überlasse ich anderen“, sagt KH. W. Steckelings. Der 90-Jährige lässt lieber seine Fotoarbeiten sprechen. Eine italienische Auswahl hängt nun im langgestreckten Studio der Bergischen Kunstgenossenschaft (BKG) im Hinterhaus des Kolkmanngebäudes. Das erste Mal stellt er hier aus, obwohl er schon seit 1972 der Künstlervertretung angehört. Dicht an dicht hängen seit Sonntag 46 Exemplare, Handabzüge auf Barytpapier, aber auch Maschinenkopien, wie er betont.

Die Ausstellung war zum runden Geburtstag im April hin geplant worden, fiel coronabedingt ins Wasser, der Katalog blieb unvollendet. Als nun der Nachholtermin nahte, war Steckelings skeptisch. Der Lockdown im Frühjahr war einfach zu frustrierend. Auf Anraten eines Freundes hatte er Arbeiten seiner Italienaufenthalte ausgesucht. Die ältesten aus dem Jahr 1974, die jüngsten drei, vier Jahre alt. Die Motive: Landschaften, Häuser, immer wieder Menschen. Die seien am interessantesten, weil sie in Bewegung seien.

Steckelings kommt vom Kurzfilm, realisierte seit den 1960er Jahren zahlreiche Kurz- und Dokumentarfilme, die internationale Preise einheimsten. Gab dennoch diese „ideale, da komplexe Gestaltungsform“ zugunsten der Fotografie auf, „weil es einfach Bereiche gibt, wo das Standbild besser ist“. Die Kamera hat er nicht immer dabei, nimmt sie bewusst mit, wenn „ich etwas will, ein bestimmtes Thema“. Das er dann einfängt, „wie es mir vor die Linse kommt“. Gestellte Bilder mag er nicht, kein „lächle mal oder geh nach rechts oder links“: „Man lebt doch vom lebendigen Bild“, für das man sich in eine Situation begeben, mitspielen müsse. Steckelings zeigt auch keine im nachhinein erstellten Ausschnitte, sondern Abbilder dessen, was er sieht. Wie beim Aquarellmalen gehe er mit kleiner Kamera und kleiner Hand vor, und das blitzschnell. „Wenn man das eine Zeit lang macht, kann man es wie im Schlaf. Es macht Spaß, wenn man weiß, dass man solche Situationen kriegen kann.“

Seine Farbe ist schwarzweiß -
da ist alles drin

Wer die Ausstellung im BKG-Studio betritt, wird von Büchern des Fotografen empfangen. „Meine Farbe ist schwarzweiß“ heißt eines und benennt damit ein Kennzeichen. Die farbliche Reduktion gebe Raum, die Möglichkeit der Struktur nachzugehen, sich in eine Situation einzufühlen, erklärt Steckelings. „In Grautönen ist alles drin, Farbe auf Bildern ist nicht die Farbe, die wir sehen.“ Weiteres Kennzeichen: Er arbeitet analog, weil er eine umfangreiche und wertvolle analoge Filmausrüstung besaß, als er zum Fotografieren kam und sich nicht alles neu zulegen wollte. Außerdem hätte das digitalisierte Arbeiten auch das Neulernen bedeutet. Vor allem aber lehnt er den „Digitalschrott“ ab, die heutige Bilderflut sei das Gegenteil von dem, wofür er stehe: Bilder auf den Smartphones, „nutzen niemandem“.

Steckelings geht den Dingen auf den Grund: Beschäftigte sich sein Leben lang mit der Fotografie und ihren Ursprüngen. Als er die Bilder für die Schau aussuchte, ließ er die attraktiven weg, nahm die, „die etwas von dem zeigen, was ich verbildlichen wollte“. Keine kitschigen Urlaubsbilder aus touristischer Perspektive, keine Verklärung wie die der 1950er Jahre, als die Deutschen ihr „Bella Italia“ entdeckten, keine Dokumentationen. Dafür Ausdruck seiner Zuneigung zu Musik, umwerfender Sprache, Architektur, einer komplexen Kultur, die ihn fasziniert. Als Jugendlicher lernte er sie nach dem Krieg kennen, als er seinen Onkel begleitete, Kontakt zu italienischen Familien bekam. Er schätzt Italien, das den Deutschen irgendwie verwandt und vertraut sei, das geographisch Europa und Afrika verbinde.

Titel der Schau soll den
Betrachter nicht eingrenzen

Bei jedem einzelnen Foto erinnert er noch genau, wann und wo und in welcher Situation es entstand. Ein toskanisches Dorf, Kinder an einem Ufer, der Kopf einer Statue, eine Burg, ein Brautpaar, Schafe in der Mittagshitze. Er fotografiere nicht das, womit schon andere Geld verdienen: „Ich habe immer abseits der Norm gearbeitet“, sagt er. Hielt auch Pina Bausch nicht auf der Bühne sondern beim Proben fest. Seine Fotos stellen Fragen. So wie der Ausstellungstitel „Capriccio“, der an die italienische Lebensart erinnert, ohne einzugrenzen. „Da liegt so viel drin“, fordert er zum Betrachten auf, beklagt zugleich, dass es immer weniger Menschen gebe, die Bilder lesen können. Was Krzystof Juretko, zweiter Vorsitzender BKG, Freund und Künstler, so nicht stehen lassen mag: „Seine Fotos erlauben eine besondere Begegnung, man kann in sie hineinschlüpfen“, schwärmt er und freut sich, die Fotografien nun endlich zeigen zu können.