Interview: Den Blick des Besuchers auf die Welt weiten

Interview: Den Blick des Besuchers auf die Welt weiten

Interview Gerhard Finckh erzählt, was ein gutes Museum ist, und erklärt, warum das Dritte Reich noch heute die Arbeit prägt.

Wann ist ein Museum gut?

Gerhard Finckh: Wenn es einerseits seine Aufgaben im Hinblick auf die Kunst, das heißt Sammeln, Bewahren, Dokumentieren und Zeigen, wahrnimmt, und wenn es andererseits die Besucher etwas lernen lässt und sie erfreut. Wenn der Besuch des Museums ihren Blick auf die Welt weitet.

Heute sollen Museen auch Stellung beziehen.

Finckh: Ein Museum ist in aktuelle, politische Prozesse eingebunden, kann, etwa durch Ausstellungen, aktiv eingreifen - allerdings auf der Basis der demokratischen Grundregeln. Es geht um die großen Fragen der Gesellschaft, die wir aufbereiten, so dass sich die Besucher damit auseinandersetzen und eine eigene Position finden können. Auch bei Themen, die auf den ersten Blick nicht mehr aktuell sind. Was im Museum gar nicht so selten vorkommt. Wenn ich zum Beispiel eine Serie über Impressionisten mache, dann geht es auch um ihre revolutionäre Haltung gegenüber dem Salon, eine Haltung die auch für den zivilcouragierten Bürger heute wichtig ist. Wir zeigen nicht nur schöne Bilder, die Bilder erzählen auch etwas über eine Epoche. Über die Erzählung kann der Betrachter eine Beziehung zu sich und seinem Leben herstellen.

So entstehen Aktualität und Relevanz.

Finckh: Wenn ich zum Beispiel Gefäße aus Syrien zeige, die über 2000 Jahre alt sind, ist das ein gesellschaftliches Statement. Weil wir zeigen, dass es eine Hochkultur in einer Region gab, aus der heute Flüchtlinge kommen. Können oder dürfen wir Menschen, deren Vorfahren so kostbare Gefäße hergestellt haben, einfach zurückschicken? Oder müssen wir sehen, dass wir eine Welt sind und uns gegenseitig helfen?

Prägt das Dritte Reich auch heute noch die Museumsarbeit?

Finckh: Ja, sehr stark - mit Restitutionsfragen. Zudem prägt es unsere Kunstwahrnehmung, da wir alles, was damals abgelehnt wurde - zum Beispiel den Expressionismus - heute hochhalten und umgekehrt Künstler, die sich mit dem Dritten Reich eingelassen haben, deshalb ablehnen. Das Dritte Reich prägt die Auswahl der Kunst in den Museen stark. Wenn ich heute ein Kunstwerk von 1939 zeige, das von einem Nazikünstler erstellt wurde, dann muss ich auf jeden Fall einen Hinweis darauf geben, es kommentieren.

Bedroht die AfD die Kunstfreiheit?

Finckh: Sie bedroht nicht nur die Kunstfreiheit, sondern die Demokratie an sich. Ich kann nur hoffen, dass die demokratischen Kräfte in den nächsten Jahren wieder so erstarken, dass die AfD überflüssig wird.

Betrifft #Metoo auch die Kunst?

Finckh: Weil bis vor 40 Jahren hauptsächlich Kunst von Männern gezeigt wurde. Im Zuge der feministischen Bewegung ändert sich das zum Glück. In der Debatte um Maler der Brücke sowie Egon Schiele, die Minderjährige gemalt haben, geht es darum, ob „unanständiger“ Expressionismus gezeigt werden darf. Das sind bedeutende Künstler, aber wie so oft haben Menschen mehrere Seiten. Man muss das Publikum sensibilisieren, den Zeitbezug im Blick haben. Solche Kunst, auch die aus dem Dritten Reich, sollte man nicht wegschließen. Man sollte sie zeigen, aber entsprechend kommentieren.

Hat das Von der Heydt-Museum Kunst kolonialer Herkunft?

Finckh: Wir haben gerade mal zwei drei Dinge aus Afrika oder Ozeanien. Aber Eduard Von der Heydt war ein großer Sammler von außereuropäischer Kunst, aus China, Japan, vor allem Afrika. Eine immens große Sammlung, die er dem Rietberg-Museum in Zürich vermacht hat, das sich nun um diese Fragen des Kolonialen kümmert.

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