Dem Baumeister bleibt nur die Gummizelle

Dem Baumeister bleibt nur die Gummizelle

Letzte Premiere im Opernhaus: Glänzender Saison-Abschluss mit „Baumeister Solness“.

Wuppertal. Das Fundament muss stimmen. Häuslebauer wissen es aus eigener Erfahrung: Wer Stein auf Stein setzt, braucht ein tragfähiges Konzept. Das gilt auf der Baustelle genauso wie auf der Bühne. In beiden Fällen gilt auch: Wer hoch hinaus will, kann tief fallen. Ob dies der Grund dafür ist, dass Baumeister Solness (Thomas Braus) Richtkränze auf Kirchturmspitzen scheut wie der Teufel das Weihwasser?

Fakt ist: Der Mann, der auf Kosten anderer Karriere gemacht hat und nun von Schuldgefühlen zerfressen wird, hat Angst, auf Türme zu klettern. Seine Höhenphobie lässt tief blicken, ist sie doch ein Zeichen dafür, dass er aus gutem Grund einen möglichen Absturz vermeiden will: Tief im Innern fürchtet Solness die Strafe Gottes nicht weniger als die Jugend, die ihn vom Sockel stürzen könnte.

Tatsache ist auch: Die Baumeister der Wuppertaler Bühnen haben ganze Arbeit geleistet. Denn Marcus Lobbes (Regie) und Pia Maria Mackert (Bühne, Kostüme) setzen „Baumeister Solness“ sinnfällig in Szene: Henrik Ibsens Drama, das streng genommen gar keine Handlung hat, spielt sich in einem großen Puppenhaus ab.

Wo es kein Mit-, sondern nur noch ein Nebeneinander gibt, lebt jeder in seinem eigenen kleinen Gefängnis — in seiner eigenen abgeschlossenen Welt. Sechs Schauspieler führen es konsequent vor Augen: Mal sprechen sie frontal zum Publikum, mal mit den Wänden oder scheinbar mit sich selbst. Sie rufen von einem Zimmer zum nächsten, reden miteinander, aber kommunizieren doch nicht wirklich gemeinsam.

Die Zuschauer indes haben gut damit zu tun, die Blicke durch alle elf Räume schweifen zu lassen, in denen die Darsteller gestenreich agieren, auch wenn sie verbal gerade nicht am Zuge sind.

Zwar hat Lobbes eine Figur gestrichen, doch dass Ragnars Vater, Solness’ einstiger Konkurrent, in Wuppertal fehlt, macht das Ganze nicht weniger fesselnd. Im Gegenteil. Der gut gestraffte Abend konzentriert sich auf Solness, der buchstäblich im Zentrum des Geschehens steht. Auch das lässt tief blicken: Das Publikum muss zu ihm aufsehen, erkennt aber schnell, dass Solness selbst am Boden liegt.

Vor allem Thomas Braus trägt das 90-minütige Stück. Als Zaudermeister hält er sich in seiner sterilen Kammer die Ohren zu, krümmt sich vor (seelischen) Schmerzen, hadert mit seinem Schicksal. Seine eigenen vier Wände sind kein heimeliges Nest, sondern eine weiße Gummizelle.

Genauso gut erleuchtet die ausgefeilte Lichtregie auch die anderen: Ragnar (Gregor Henze), Solness’ aufstrebender Zeichner, verkriecht sich lieber im Baumhaus, statt in die Offensive zu gehen. Ragnars Verlobte (Maresa Lühle), die nicht von Solness loskommt, trägt ein Blümchenkleid, das dasselbe Muster hat wie die Wandbemalung ihres Zimmers. Für Solness ist sie nur ein (tapetenähnliches) Objekt. Solness’ Frau (Sohie Basse) wiederum, die den Tod der Zwillings-Söhne nicht verarbeiten kann, hängt in einem Spinnennetz fest. Sie findet keinen Ausweg aus ihren Schuldgefühlen. Der Hausarzt (Holger Kraft) schließlich baut eine Mauer aus Büchern vor sich auf.

Die Reaktion ließ am Samstag nicht lange auf sich warten. Nach der Premiere gab es minutenlangen Applaus für ein prächtig gebautes Werk, für große schauspielerische Leistungen und für eine in sich geschlossene Regiearbeit, die den Generationenkonflikt augenscheinlich dramatisiert: Wo keiner dem anderen wirklich entgegenkommt, steht am Ende jeder alleine da.

Nur wenig stört an diesem wahrhaft erbaulichen Schauspiel: Optisch wirkt der Wuppertaler Baumeister nicht wie ein Altvorderer, der vor dem Ruhestand steht. Hilde hingegen (Juliane Pempelfort), die Solness ins Verderben führt, wirkt älter als sie ist. Sie ist erschreckend nüchtern, zu vorlaut und ungewöhnlich desillusioniert für ihr Alter. Das Gummistiefel-Mädchen vom Lande spricht so altklug, als sei sie nicht erst Anfang 20, sondern vier Jahrzehnte weiser. Von ihrem Selbstbewusstsein könnte sich Ragnar eine Scheibe abschneiden: Dass der Unscheinbare allen Ernstes am Thron seines Meisters sägen könnte, scheint von vorneherein keine Option zu sein.

Kleine Risse gibt es an vielen Häusern. Im großen Ganzen jedoch stimmt an „Baumeister Solness“ (fast) alles — vor allem das Fundament, auf dem Stein für Stein, Szene für Szene, ein Drama entsteht, das spannend ist und gleichzeitig nachdenklich stimmt.

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