"Das Leben der Ameisen" - Das Büro als Versuchslabor

"Das Leben der Ameisen" - Das Büro als Versuchslabor

„Das Leben der Ameisen“ zeigt beklemmendes Bewegungstheater.

Wuppertal. Was hat „Das Leben der Ameisen“ mit einer Versuchsanordnung zu tun, die Menschen in einem riesigen Zylinder gefangen sieht? In einer seiner letzten Inszenierungen zeigt Schauspiel-Chef Christian von Treskow im Kleinen Schauspielhaus die Uraufführung eines verstörenden Doppelabends: 1930 schrieb der Literatur-Nobelpreisträger Maurice Maeterlinck seine Studie über das Ameisenvolk und zieht in jedem Kapitel Parallelen zur menschlichen Gesellschaft.

In seiner Regie zeigt von Treskow, wie wenig sozial Menschen in bestimmten Situationen handeln. Er wählt hierzu die Form reinen Bewegungstheaters, das ganz ohne Sprache auskommt. Dafür sind die Szenen, die 14 Studierende der „Schule des Theaters“ (Köln) und zwei Ensemblemitglieder (Heisam Abbas und Marco Wohlwend) als pantomimische Choreografien gestalten, mehr als beklemmend: Hinter einem Distanz schaffenden Gaze-Vorhang in der nach oben offenen Guckkasten-Bühne — einem weißen Raum mit drei Türen — agieren Angestellte eines Großraumbüros in identischen schwarzen Anzügen mit weißem Hemd und breiten Bindern (Bühne und Kostüme: Sandra Linde, Dorien Thomsen).

Im Gleichmarsch durchschreiten sie mit Aktentaschen und in gebeugter Haltung den Raum, wuseln geschäftig von Tür zu Tür, kämpfen um den Arbeitsplatz, buckeln nach oben und treten nach unten. Nur selten geben sie einander im Gewimmel Luft, meist reiben sie sich aneinander und an ihrer Umgebung.

Von Treskow setzt psychische Zustände so gekonnt in Bewegungen um, dass dem Zuschauer Angst und Bange wird. Wenn alle im ausbrechenden Chaos zu ohrenbetäubendem Elektronik-Lärm nur noch weg wollen, trägt man Konflikte gnadenlos auf dem Rücken des anderen aus, spannt jemanden für seine Arbeit als Ackergaul ein und geht über Leichen.

Samuel Becketts „Der Verwaiser“ ist nur scheinbar der ruhende Gegenpol: Auf Drehstühlen sitzend, sprechen Sophie Basse, An Kuohn und Anne-Catherine Studer in atemlosen Monologen den Text, der letztlich viele Assoziationen zum zuvor Gesehenen zulässt: Die tödliche Entfremdung sinnloser Arbeiten, aus der es kein Entrinnen gibt, und die menschliche Beziehungen nicht zulassen.

Sie gleicht dem Zylinder, in dem Lebewesen gefangen sind. Es gibt die unerbittlich Kletternden, die eine Nische zur Bleibe oder einen Ausweg Suchenden, die wenigen Sesshaften und die endlich Besiegten — ein immerwährender Angsttraum im überfüllten Zylinder. Grauenvoll hoffnungslos ist dieser Text, der wie der ganze Abend Stoff genug zum Nachdenken birgt.

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