Wuppertaler Bühnen: Das Labyrinth: Die Oper gehört allen

Wuppertaler Bühnen : Das Labyrinth: Die Oper gehört allen

Mit der „Community Oper“ heben die Bühnen eine neue Reihe aus der Taufe. Die Premiere sorgte für Begeisterung.

Ein Opernhaus ist in den Köpfen vieler ein Ort, der von Leuten frequentiert wird, denen es nur um Musiktheater à la Mozart, Puccini, Verdi und Co. geht. Man sieht dort mehr oder weniger nur die gleichen Stammgäste, davon grauhaarige Fans, hochanständig angezogen, eine große Mehrheit bildend. In Wuppertal gilt das seit ein paar Jahren nicht mehr. Ungewöhnliche Produktionen hemmen Berührungsängste. Die Sparte geht außerdem in Form des Festivals „Sound of the City“ raus zu den Menschen in die Stadt.

Nun wird hier eine neue Reihe aus der Taufe gehoben: die Community Oper, Gesellschaftsoper. Sie ist für alle gedacht – auf und vor der Bühne. Und gleich das erste Projekt, „Das Labyrinth“, Originaltitel: „The Monster in the Maze“, aus der Feder des zeitgenössischen britischen Komponisten Jonathan Dove, kommt unglaublich gut an. Lang anhaltende stehende Ovationen des Premierenpublikums sind der verdiente Dank.

Das hat es hier seit Menschengedenken noch nicht gegeben: Rund 270 Laien, die meisten von ihnen Kinder und Jugendliche, tummeln sich auf dem Podium und stellen äußerst packend die Geschichte dar, wie in der antiken griechischen Sagenwelt Held Theseus nach Kreta schippert, dort den menschenfressenden Minotaurus tötet und mit den befreiten Kindern wieder glücklich in Athen landet.

Eineinhalb Jahre haben sie geprobt, der dafür gegründete Projektchor, die Chöre der Musikschulen in Remscheid und Wuppertal, der Kinder- und Jugendchor der Oper, die Kurrende, die Elberfelder Mädchenkurrende sowie die Chöre der Gymnasien am Kothen und Bayreuther Straße. Die intensive Arbeit an dem Stück hat Früchte getragen.

Chorgruppen sind genau
aufeinander abgestimmt

Denn eindrucksvoll repräsentieren die neun Chöre die sich in ihr Schicksal gefügten Athener, die standhaften wie verängstigten Kinder und die quälerischen Kreter. Sie rennen hin und her, stehen wie zur Salzsäule erstarrt oder bilden ein Labyrinth, durch das Dädalus den Protagonisten zur Bestie führt. Stimmlich brüllen, rufen, singen sie vom Feinsten. Genau aufeinander abgestimmt sind die Chorgruppen.

Vier Profis müssen trotzdem sein. Schauspieler Gregor Henze ist ein waschechter rachsüchtiger Minos. Plausibel verkörpert Sebastian Campione den Architekten Dädalus mit seinem tragfähigen Bass. Martin Koch ist der Held Theseus. Seine Tenorstimme ist zwar ausdrucksstark. Doch können sich er und Mezzosopranistin Belinda Williams als seine Mutter nicht immer gegenüber der Musik durchsetzen.

Laien sitzen auch im Sinfonieorchester Wuppertal: das Jugendsinfonieorchester der Bergischen Musikschule und andere Instrumentalisten aus der Region. Sie legen sich mächtig ins Zeug. Unter dem aufmerksamen Dirigat von Markus Baisch, der auch für das Zusammenwirken der Chöre verantwortlich zeichnet, kommt die eingängige Musik schwungvoll und mit festem Zugriff differenziert aus dem Graben.

Ein richtiges Bühnenbild gibt es nicht. Das muss auch nicht sein, da die auf Leinwand projizierten Perspektiven der Live-Kamera und weitere Videoclips große Hingucker sind.

Die Inszenierung von Marie-Eve Signeyrole bietet viel Raum für zeitaktuelle Gedankenspiele jenseits der antiken Mythologie. Wenn Kinder von ihren Eltern getrennt werden, sie durch einen Gitterzaun gestoppt werden, Leute in kleinen Schiffen auf dem Meer auf der Projektionsfläche zu sehen sind, liegt ein Bezug zur derzeitigen Flüchtlingssituation auf der Hand.

Nach diesem fabelhaften Premierenabend ist ganz klar: Das Haus gehört nicht mehr nur den gewohnten Opernfreunden. Es können sich wie nun erlebt alle darin wohlfühlen. Und das ist gut so. Im Mai nächsten Jahres geht es weiter mit der „Community Oper“. Dann steht Benjamin Brittens Oper „Ein Sommernachtstraum“ auf dem Programm.

Mehr von Westdeutsche Zeitung