Christian Klein: „Ernst Glaeser war keine literarische Eintagsfliege“

Christian Klein: „Ernst Glaeser war keine literarische Eintagsfliege“

Germanist Christian Klein bringt Anti-Kriegsbuch neu heraus.

Wuppertal. Als Ernst Glaesers Roman „Jahrgang 1902“ 1928 erscheint, trifft er den Nerv der Zeit. Er bringt das Trauma jener Generation auf den Punkt, die ihre Desillusionierung hinter den Frontlinien des Ersten Weltkriegs erlebt. Das Buch — von der zeitgenössischen Kritik hochgelobt — wird zum internationalen Sensationserfolg.

Heute ist Glaeser nahezu vergessen. Ein Dozent der Bergischen Universität ist angetreten, um genau das zu ändern: Christian Klein hat „Jahrgang 1902“ neu herausgebracht.

Herr Klein, weshalb bringen Sie Ernst Glaesers „Jahrgang 1902“ — 85 Jahre nach seinem ersten Erscheinen — neu heraus?

Christian Klein: Der Roman zählt nach meiner Meinung — aber auch ausweislich der breiten und begeisterten Aufnahme Ende der 1920er Jahre— zu den bedeutendsten Anti-Kriegsbüchern der Zeit und wurde stets in eine Reihe etwa mit „Im Westen nichts Neues“ gestellt. Jean Améry zum Beispiel hat über den Roman gesagt, er sei das „politisch scharfsichtigste Buch“ über die bürgerliche Gesellschaft vor und während des Ersten Weltkriegs. Aber darüber hinaus handelt es sich auch um einen gut geschriebenen Roman, dessen Lektüre nach wie vor lohnt.

Der Roman war 1928 ein großer Erfolg. Was unterscheidet ihn von anderen Büchern, die den Ersten Weltkrieg zum Thema haben?

Klein: Glaesers Roman ist der Erste, der nicht aus der Perspektive eines Soldaten geschrieben ist. Im Zentrum steht vielmehr das Schicksal eines Jungen, der — wie so viele — begeistert ist von dem „großen Abenteuer“, als das der Krieg vielen zunächst erscheint, aber dann schnell feststellen muss, wie die „Welt der Erwachsenen“ in sich zusammenfällt und nur noch leere Phrasen bleiben. Aufzuzeigen, wie stark der Krieg das Leben hinter der Front in emotionaler, aber auch ganz praktischer Hinsicht geprägt und verändert hat, das ist das Verdienst von Glaesers Roman. Der Erfolg des Buches beruht eben auch darauf, dass er denen, die zu jung waren, um als Soldaten kämpfen zu müssen, in deren Leben der Krieg aber auch tiefe Spuren hinterließ, eine Stimme gab.

Warum ist Glaeser — trotz des großen Erfolgs seines ersten Romans — heute nahezu vergessen?

Klein: Diese Frage ist tatsächlich besonders interessant, weil Glaeser eben keine „literarische Eintagsfliege“ war, sondern neben „Jahrgang 1902“ noch weitere, teils sehr erfolgreiche Bücher publiziert hat. Der Grund dafür, dass ihn heute kaum noch jemand kennt, dürfte in seiner schillernden Biographie zu finden sein. Er sympathisierte mit den Linken, 1933 wurden seine Bücher von den Nazis verbrannt. Glaeser geht ins Schweizer Exil.

Was passiert dort?

Klein: Dort tritt er zunehmend als NS-Befürworter in Erscheinung, was ich im Nachwort zum Roman ausführlich beschreibe. Im April 1939 kehrt er dann „heim ins Reich“ und arbeitet für verschiedene Luftwaffen-Zeitungen. Nach 1945 wird er zum Verfechter der Demokratie, hat zwar noch einigen Erfolg, aber letztlich dürfte diese „Wendigkeit“ viele zu Recht irritiert haben. Die berechtigte Skepsis der späteren Biographie des Autors gegenüber hat dann wohl auf die frühen Werke ausgestrahlt, was im Hinblick auf Glaesers Debütroman sehr bedauerlich ist. Denn „Jahrgang 1902“ ist ein wichtiges Buch, das uns auch heute noch angeht.

“ Ernst Glaesers Roman „Jahrgang 1902“, herausgegeben von Christian Klein, ist bei Wallstein erschienen (22,90 Euro, 390 Seiten).