„Choristen sind Künstler und keine Sing-Maschinen“

„Choristen sind Künstler und keine Sing-Maschinen“

WZ-Interview: Jens Bingert hat „Freude an der Arbeit mit Stimmen“. Seit dieser Spielzeit ist der 38-Jährige Chorleiter der Wuppertaler Bühnen. Die Stadt hat er bereits lieb gewonnen.

Der neue Chordirektor der Wuppertaler Bühnen, der 38-jährigeJens Bingert, bringt seit dem Beginn der Spielzeit 2009/2010 dem Opernchor die richtigen Töne bei.

Jens Bingert: Erst einmal die Nähe zu Köln, wo ich wohne, und dann mein Wunsch, mit einem größeren Chor an einem größeren Haus zu arbeiten.

Bingert: Ja, gleich in den ersten Tagen. Ich suchte nach einem Garten-Center und kam auf die Südhöhen. Da staunte ich über das viele Grün. Felder und Wälder, durch die sogar ein Bach floss. Ich habe dann mein Auto stehen gelassen und bin losgewandert. Denn ich liebe die Natur, Gärten und schöne Landschaften.

Bingert: Ja, das war optimal bestellt. Ganz anders als in Trier, wo ich viel Arbeit in den Chorklang investieren musste. Der Chor hier ist sehr gut zusammengestellt. Er ist kein "Feierabend-Chor" sondern weiß, dass er "im Dienst" ist.

Bingert: Bewahren möchte ich den Ehrgeiz des Chors. Er hat den Anspruch an sich selbst, "gut" zu sein. Vertiefen möchte ich, dass der Opernchor im Bewusstsein der Bühnen und der Öffentlichkeit noch mehr verankert, also stärker wahrgenommen wird. Man muss merken: Ohne Chor geht’s nicht. Ändern möchte ich eigentlich nichts, nur die Arbeit mit dem Extrachor, der den Chor bei großen Aufgaben unterstützt, intensivieren und die Arbeit mit dem Kinderchor weiterführen. Singen soll bei allen ein gutes Gefühl hinterlassen.

Bingert: Wichtig ist mir die Realisierung eines schönen runden Chorklangs dadurch, dass sich die solistisch ausgebildeten Stimmen zu einem Gesamtklang zusammenfinden und in die Gruppe einbinden. Das ist eine echte Herausforderung für die individuellen Stimmen. Dann strebe ich eine große dynamische Bandbreite an. Je leiser der Chor singt, umso feiner und leiser kann auch das Orchester spielen.

Bingert: Die Motivation ist mir ganz wichtig. Ich höre mir jede Vorstellung an und merke, was sich abgenutzt hat, was ich nachschleifen muss. Denn wenn der Chor gut drauf ist, überträgt sich das auch auf Orchester und Solisten. Der Chor ist der Träger von Gefühlen auf der Bühne und muss aus eigenen Emotionen den Klang entstehen lassen. "Du bist ein Künstler, keine Sing-Maschine", sage ich meinen Choristen. Sie müssen auch bei der 20. Vorstellung noch positiv motiviert sein. Der Gefangenenchor im "Fidelio" etwa muss so klingen, als ob jeder Sänger geradewegs aus dem Kerker kommt.

Bingert: Ich habe in Köln evangelische Kirchenmusik studiert, wusste aber schon früh, dass ich kein Kirchenmusiker werden würde. Ich habe überlegt, was mir am meisten Spaß macht. Also habe ich an der Essener Folkwang Hochschule noch Chor- und Orchesterleitung studiert. Dort bin ich ins Musiktheater hineingerutscht und wollte Dirigent werden. In den zwei Jahren in Trier als Chordirektor und Kapellmeister kristallisierte sich dann meine Freude an der Arbeit mit Stimmen heraus. Ich fand, hier könne ich am meisten bewirken. So kam ich also wieder zurück zur Chorarbeit.

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