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Buch: Mensch und Tier sind nicht immer beste Freunde

Neuerscheinung : Mensch und Tier sind nicht immer beste Freunde

Kulturbüroleiterin und Beuys-Expertin Bettina Paust gibt ein Buch heraus, das sich mit lebenden und toten Tieren in der Kunst beschäftigt.

Tiere begleiten den Menschen, seit es ihn auf der Erde gibt. Das Verhältnis ist vielfältig, reicht vom Schauobjekt im Zoo bis zum besten Freund und süßen Weihnachtsgeschenk. Gleichberechtigte Partnerschaft bestand lange nicht, die menschliche Dominanz aber bröckelt. Eine Entwicklung, die sich auch in der Kunst wiederfindet. Zentrale Bedeutung kommt dabei Joseph Beuys zu. Bettina Paust leitet das Kulturbüro Wuppertal und war langjährige Leiterin des Beuys-Museums in Schloss Moyland. Die Beuys-Expertin gibt nun zusammen mit ihrer ehemaligen Kollegin Laura Mareen Janssen ein Buch heraus, das sich dem Thema widmet. „Das ausgestellte Tier – Lebende und tote Tiere in der zeitgenössischen Kunst“ soll ein Grundlagenwerk sein, so Paust.

Am Anfang standen die barocken Menagerien, Sammlungen lebender Tiere, aus denen die Zoologischen Gärten – auch in Wuppertal – hervorgingen. Paust schrieb dazu ihre Doktorarbeit, interessiert sich deshalb auch sehr für den Grünen Zoo, den sie mit den Augen der Expertin sieht. Hinzu kam ihre Beschäftigung mit Joseph Beuys, der 1974 mehrere Tage mit einem Kojoten in einer New Yorker Galerie verbrachte, eine Beziehung zu dem Tier aufbaute. Die gut dokumentierte Performance wurde zum Meilenstein in der Kunst-Beschäftigung mit Tieren und weckte Pausts Interesse, sie hatte ihr „Leib- und Magenthema“ gefunden.

Es begann eine intensive Recherche, die durch die in den 90er Jahren geborene „animal turn“-Bewegung befördert wurde, die die Tiere in ihrer eigenen Existenz stärker wahrnimmt. Paust: „Wenn Künstler sich mit Tieren beschäftigen, beschäftigen sie sich mit einem aktuellen gesellschaftspolitischen Thema. Kunstwerke müssen unter anderen Gesetzmäßigkeiten betrachtet werden.“

Paust wollte das Thema auf jeden Fall interdisziplinär angehen, um „ihm gerecht zu werden“. Dachte an eine Ausstellung, machte sich auf die Suche nach Autoren. Sie holte die wissenschaftliche Mitarbeiterin Laura Mareen Janssen ins Boot. 2017 fand in Schloss Moyland die Tagung „Tiere als Akteure und Material in der zeitgenössischen Kunst“ statt. Das nun erschienene Buch geht dem Thema wissenschaftlich und in der Breite nach.

Das Titelbild gibt Rätsel auf, soll irritieren, abstrahieren, das Spektrum öffnen, so Paust und erklärt, dass der schwarzweiße Fotoausschnitt, der sich über Vorder- und Hinter-Einband zieht, die Rücken eines Menschen und eines Schweines zeigt, und aus einer Arbeit von Kira O’Reilly stammt. Den Inhalt bestimmen zehn Autoren, Repräsentanten verschiedener Fachrichtungen, Paust und Janssen, die einen Auszug ihrer Masterarbeit beiträgt, eingeschlossen. Einen Überblick über die aktuelle performatie Tier-Kunst gibt die Kunst- und Tiertheoretikerin Jessica Ulrich, Kunsthistoriker Marvin Altner beschäftigt sich mit Rezeptionsbedingungen von Kunstwerken mit lebenden Tieren. Die Professorin für Theorie und Geschichte des Theaters, Brabara Gronau, legt den Fokus auf die Kadaver-Aktionskunst in der DDR. Jean-Pierre Wils ist Theologe und Philosoph und analysiert, wie der Mensch mit Tieren im Krieg umging. Die Tierethikerin Judith Benz-Schwarzburg fragt nach der Ethik in der Kunst mit Tieren, der Soziologe Marcel Sebastian thematisiert das ambivalente Verhältnis am Beispiel der Schlachthöfe im 19. Jahrhundert. Volker Sommer trägt den Blick des führenden Primatologen bei und der Jurist Antoine F. Goetschel beschäftigt sich mit Kunstfreiheit und Tierschutz im Recht.des Buches.

Der wissenschaftliche Inhalt ist gut lesbar geschrieben, (leider nur sehr kleine) Bilder zeigen interessante Beispiele. Paust hofft, dass „das Buch zur Diskussion anregt“. Ob Museen daraus vermehrt die Idee für Ausstellungen mitnehmen, ist dagegen eher fraglich – Performances mit lebenden Tieren sind schwierig und aufwendig. „Aber durch Fotos davon nicht zu ersetzen, denn man kann nichts riechen oder hören“, sagt Paust, die den Gedanken an eine Ausstellung nicht aufgegeben hat. Vielleicht ja mal im Grünen Zoo.