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Brüchige Idylle in der Puppenstube

Brüchige Idylle in der Puppenstube

„Nora oder Ein Puppenheim“: Schauspieler Tilo Nest führt zum zweiten Mal an den Wuppertaler Bühnen Regie.

Wuppertal. Der Weihnachtsbaum steht bereits — es kann also losgehen. Rein theoretisch, versteht sich. Denn praktisch gesehen sind es noch drei Tage bis zur Premiere: Am Freitag, wenn „Nora oder Ein Puppenheim“ erstmals im Kleinen Schauspielhaus über die Bühne geht, dürften sich Theaterkenner verwundert die Augen reiben — wahlweise auch in purer Nostalgie, kindlicher Wiedersehensfreude oder humorvollen Erinnerungen schwelgen. Schließlich dürfte ihnen der Baum, der im Foyer steht, bekannt vorkommen: Das traditionell geschmückte Tannengrün spielte bereits im November 2011 eine zentrale Rolle, als das Publikum im Opernhaus „Schöne Bescherungen“ erlebte. Nun kehrt der Baum zurück — im Namen von Henrik Ibsen.

„Wir könnten ,Nora oder Ein Puppenheim’ eigentlich auch im Bühnenbild von ,Schöne Bescherungen’ aufführen“, sagt Regisseur Tilo Nest mit einem Augenzwinkern. Nicht nur, dass es hier wie dort um eine scheinbar heile Familienwelt geht. Beide Stücke spielen auch noch zur besten Weihnachtszeit. Wobei die Feiertage bei Henrik Ibsen — im Gegensatz zu Alan Ayckbourns Komödie — weitaus tragischer verlaufen (siehe Infokasten). Der norwegische Dramatiker nutzt die Weihnachtszeit, um die Brüchigkeit von Beziehungen zu entlarven: Nora (Juliane Pempelfort) bekommt es nicht nur mit einem Erpresser, sondern auch noch mit einem Ehemann zu tun, der sich im entscheidenden Moment nicht hinter sie stellt — ihm sind Ansehen und Karriere wichtiger.

„Nora erkennt, dass sie in ihrer Ehe eigentlich nie wirklich glücklich, sondern nur eine Puppe war“, erklärt Dramaturg Sven Kleine mit Blick auf den Titel. Die Idylle im „Puppenheim“ ist schlichtweg trügerisch. Und was mit einer guten Absicht beginnt, endet in Selbstzweifeln und immer größer werdenden Ängsten: Bis es zum offenen Befreiungsschlag kommt, muss Nora, die wohl bekannteste Figur aus Ibsens Dramen, durch ein tiefes Tal schreiten — im Bergischen Land bereitet ihr Tilo Nest den Boden.

Tilo Nest über die sanierungsbedürftige Kulturstätte an der Kluse, deren Zukunft ungewiss ist.

Ibsens Schauspiel gilt als Paradestück weiblicher Emanzipation. Dabei reizt den Regisseur eigentlich ganz anderes. „Die Emanzipationsgeschichte interessiert mich weniger“, betont der Theatermacher, der sich vor allem als Schauspieler an der Wiener „Burg“, aber auch in Funk und Fernsehen einen Namen gemacht hat. „Wir erzählen die Geschichte einer Frau, die relativ früh erkennt, dass es in ihrer Beziehung nicht rund läuft.“ Die Gretchen-Frage ist folglich diese: Wie schafft man den Sprung aus einem starren Gebilde, das längst keinen Halt mehr gibt? Wie verhält man sich, wenn man Teil eines Puzzles ist, das unaufhaltsam auseinanderfällt? Und wie reagiert man, wenn der Familienalltag mehr Schein als Erfüllung ist?

„Nora spielt im Hier und Jetzt“, stellt Nest klar. „Es geht um Leute von heute.“ Deshalb hat das Team der Wuppertaler Bühnen auch eine „sehr heutige Übersetzung“ gewählt — und an der sprachgewaltigen Textvorlage Hand angelegt. Der Regisseur hat „viele Striche gemacht“, empfindet das 1879 erschienene Werk aber dennoch als unverändert aktuell. „Es zeigt sich, dass sich die Nöten, Sorgen und Lügen innerhalb eines Familiengebildes nicht verändert haben. Es passt immer noch wie die Faust aufs Auge.“

Passend ist aus der Sicht des Regisseurs auch der Ort: „Als ich Ende der 80er Jahre in Bochum engagiert war, war ich oft im Wuppertaler Schauspielhaus — und schwer beeindruckt.“ Und nun? „Möchte ich mich mit meiner Inszenierung noch einmal vor dem Haus verbeugen. Es ist eine Schande, dass es jetzt dem Verfall preisgegeben wird.“ Im sanierungsbedürftigen Gebäude, das nur noch bis zum Sommer als kleine Spielstätte genutzt werden kann, möchte er noch einmal Akzente setzen. So nutzt er nicht nur den eigentlichen Theaterraum, sondern auch den Garten im Innenhof, die Gänge und das Foyer, das im Namen von Ibsen zum Wohnzimmer wird — Tannenbaum inklusive. Das Publikum wird erst im Foyer sitzen, später an einem anderen Ort. Wo genau, soll eine Überraschung sein.

Kein Geheimnis ist dafür die Besetzung: Mit Juliane Pempelfort, sagt Nest, habe er die ideale Nora gefunden. Noras Mann, der seine Frau kleinbürgerlich zur Puppe degradiert, ist ebenfalls kein Unbekannter: Hanno Friedrich war bereits mit von der Partie, als „Schöne Bescherungen“ anstanden. Damals küsste er unter dem Tannenbaum.

“ Das Stück ist am 8. Februar um 20 Uhr und am 10. Februar um 18 Uhr zu sehen.

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