Brillanter Anfang vom Ende: Kamioka riss die Zuhörer mit

Brillanter Anfang vom Ende: Kamioka riss die Zuhörer mit

Nach zwei Beethoven-Sinfonien gab es für den Dirigenten und sein Orchester Bravo-Rufe.

Wuppertal. Was für ein Abend in der Stadthalle. Was für ein Anfang vom Ende. Toshiyuki Kamioka hat am Samstag sich und sein Wuppertaler Sinfonieorchester inszeniert, als gäbe es kein Morgen. Beethovens 1., Beethovens 9., die Chöre der Konzertgesellschaft und der Opernbühne in Hochform, ausgezeichnete Sänger und Musiker, die vor Spielfreude nur so strahlten, machten aus dem ersten Konzert der letzten Saison Kamiokas einen Abend, den die Besucher so schnell nicht vergessen werden.

Es stimmte einfach alles. Selbst der Protest der Musiker gegen das Spardiktat des Stadtkämmerers passte ins Bild. Die Zuschauer fanden auf ihren Stühlen Postkarten mit der Aufschrift „Der Deckel muss weg“. Damit möchten die Musiker gegen die Festsetzung des Etats protestieren, weil sie fürchten, dass die mehr als 150 Jahre währende Geschichte ihres Orchesters 2019 zu Ende gehen könnte. Und sie bitten, die Karten mögen an Oberbürgermeister Peter Jung geschickt werden. Mit seinem Auftritt bewies das Orchester einmal mehr, dass es jeden Cent wert ist.

Jung nutzte den Saisonauftakt, sich bei Kamioka für dessen Arbeit in Wuppertal zu bedanken. Kamioka wiederum dankte dies dem Publikum mit einem bemerkenswerten Konzert. Er hatte die beiden Sinfonien Beethovens geschickt gewählt. Die 1., weil sie sehr leicht, teils beschwingt daherkommt und den Zuhörer daran erinnert, dass der junge Beethoven sich sehr an den Stars seiner Jugendzeit orientierte. Das eingängige Werk lässt bisweilen an Haydn und mehr noch an Mozart denken.

Kamioka gab dem Vortrag seiner Musiker ein rasantes Tempo, was dem Werk aber zu keiner Zeit schadete. Das Orchester präsentierte sich vom ersten Ton an in blendender Verfassung. Und auf dem Podest genoss der Generalmusikdirektor, gewandet in einen Anzug, der glänzte wie sein pechschwarzes Haar, offensichtlich jeden Geigenstrich. Beethoven ist der Leib- und Magen-Komponist des Dirigenten.

Auch mit der Wahl der 9. Sinfonie Beethovens lag Kamioka goldrichtig. Sie hat nicht nur den Vorzug, dass sie Beethovens eigenen Stil in Vollendung repräsentiert, sie ist außerdem ungewöhnlich fesselnd und verbreitet im 4. Satz eine geradezu beglückende Atmosphäre, wenn sie so leidenschaftlich interpretiert wird wie am Samstag vom Wuppertaler Sinfonieorchester. Daran hatten auch die beiden Chöre sowie Dorothea Brandt (Sopran), Judith Braun (Mezzosopran) Marcel Reijans (Tenor) und besonders Olafur Sigurdarson (Bassbariton) ihren Anteil.

Langanhaltenden Beifall des Publikums sind die Sinfoniker gewohnt. Am Samstag aber riss es die Zuhörer mit dem Schlussakkord von den Stühlen. Minutenlang spendeten sie den Künstlern Applaus, bedachten Toshiyuki Kamioka mit Bravo-Rufen. Dessen Auftritt erinnerte ein wenig an den eines Stürmers, der seinen Club verlässt, im letzten Spiel aber zwei entscheidende Tore erzielt. So einen lässt kein Fan gern gehen, behält ihn aber auf jeden Fall in strahlender Erinnerung. Einige Partien spielt Kamioka noch in Wuppertal. Zum Glück.

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