Kunst: Bildhauer Friederich Werthmann: „Ich bin mit dem Stahl einig geworden“

Kunst : Bildhauer Friederich Werthmann: „Ich bin mit dem Stahl einig geworden“

Der bedeutende abstrakte Bildhauer Friederich Werthmann, der in Wuppertal geboren wurde und aufwuchs und heute in Kaiserswerth lebt, wird 90 Jahre alt.

Er hat viele Begabungen, ist in der Welt der Sprachen, der Musik und der Kunst zuhause. Und doch macht er nach dem Abitur eine Maurerlehre, die ihm erlaubt, seiner Leidenschaft für die bildende Kunst zu frönen. Das ist bald 70 Jahre her. Friederich Werthmann, am 16. Oktober 1927 in Barmen geboren, wurde einer der bedeutendsten abstrakten Bildhauer und Plastiker der deutschen Kunst nach 1945. Seit vielen Jahren lebt er mit seiner Frau, der Fotografin Maren Heyne, in Düsseldorf-Kaiserswerth.

Foto: Kurt Keil

Zum anstehenden 90. Geburtstag wird er mit der Ausstellung „Stahl. Poesie. Dynamik“ in Witten geehrt. Ein Besuch in seinem denkmalgeschützten Heim im ehemaligen Landgericht Kreuzberg in Düsseldorf-Kaiserswerth mit seinem 2500 Quadratmeter großen Garten, wo Geschichte und Kunst eine bezaubernde Liaison eingehen.

Wuppertal, das ist für Werthmann Kindheit und Aufwachsen. Heute ist er nur noch hin und wieder zu Besuch in der Geburtsstadt — bei Verwandten oder Freunden. Seine letzte Ausstellung in der Heimatstadt fand 2003 in der Kunsthalle Barmen statt. Einen Namen macht sich Werthmann aber bereits in den 50er Jahren durch seine Ausstellungen in der Galerie Parnass an der Moltkestraße in Elberfeld, bedeutsame Stätte des deutschen Informel, zu dem auch er, Mitglied der Gruppe 53 (Avantgarde der Kunst des rheinischen Westens) zählt. Wenngleich er mit der Kunstrichtung zwar im abstrakten Kunst-Ergebnis, nicht aber im Schaffensprozess übereinstimmt.

Wie es sich für einen Bildhauer gehört, hinterlässt Werthmann für jeden sichtbare Spuren: Den Wuppertalern bestens bekannt ist der Werther Kugelbrunnen, den er 1978 erschafft. „Das Verhältnis von Elberfeld und Barmen ist ja bekanntlich schwierig, ich habe die Brunnenkugel in zwei Hälften geteilt, die Löcher in den Wänden haben, aus denen sie sich gegenseitig mit Wasser anspritzen“, erklärt er und weist auf die zusammenführende Bedeutung seiner Figur hin. Bereits 1960 wird das Rathaus Barmen mit der kugelförmigen „Entelechie II“ geehrt. „Entelechie bedeutet, dass die Skulptur nichts anderes als sich selbst zum Ziel hat“, übersetzt Werthmann den griechischen Begriff, der — außer Raum und Dynamik — zu den drei wichtigen Konstanten in seinem Schaffen zählt.

Das Relief an der Ronsdorfer Sparkasse, ebenfalls von 1960, steht mittlerweile wieder in Werthmanns Werkstatt — nach dem Umbau des Gebäudes passt es nicht mehr. Schließlich gibt es noch den 5,5 Meter hohen Kothen-Knoten auf dem Schulgelände des Gymnasiums am Kothen in Unterbarmen, der 1965 entsteht. Und das Von der Heydt-Museum besitzt drei Werke in seiner Sammlung: die Edelstahl-Plastik „Von Kassel bis Oktober“ (1962), die „Struktur Remanit“ und „Strukturbad“ (beide 1959).

Des Künstlers Lieblingsmaterial ist der Stahl, „ich bin mit dem Stahl einig geworden“, sagt er lächelnd und weist darauf hin, dass er anfangs alle möglichen Materialien — Holz, Stein, Beton — ausprobiert habe, wie es sich für einen Autodidakten gehöre. „Er erlaubt mir ziemlich genau das, was ich möchte.“ Ziel und Anlass seines Strebens stehen schon früh fest: „Ich wollte etwas mit den Händen formen, das dann ins Spirituelle transportiert wird.“ Dieses spirituelle Abenteuer fasziniere ihn noch heute. „Das Risiko wird erfreulich groß“, sagt er lebhaft. Lehrauftragsangebote habe er dagegen stets abgelehnt, weil diese eine risikofreie und uninteressante Tätigkeit bedeutet hätten.

Friederich Werthmann

Den figuralen und materiellen Anfängen folgen ab 1955 Plastiken, die den Raum umspannen, ohne ihn zu begrenzen. Diese Phase endet abrupt, als Werthmann 1975 versucht, in einer Skulptur einen Hohlraum in der Mitte zu fertigen. Hierbei entdeckt er Dynamit als produktives Mittel beim Formen. Er legt den Schweißbrenner beiseite, als er erkennt, wie genau Explosionen berechnet werden können. Das damals begonnene Werk muss warten (es wird erst 2010 vollendet und steht natürlich heute in seinem Garten). Nun hat die Werkreihe „Dynos“ Vorrang. Jahrelang fährt Werthmann zu einem ehemaligen Militärgelände bei Haltern, um dort, unterstützt von einem Sprengmeister, Edelstahlkörper gezielt in Form zu sprengen.

Geht mal etwas daneben, weil die Dynamitmischung nicht passt, wird das Werk zum objet trouvé (gefundenen Gegenstand) erklärt. Das kommt aber so selten vor — „ich hatte ein Fehlaufkommen von höchstens zwei Prozent“ —, dass Werthmann allmählich fürchtet, seine Arbeit werde zur Masche. Also hört er wieder auf und beginnt 1987, Edelstahlrohre zu Parallelogrammen zu formen, die durch Knoten unterbrochen oder verbunden werden.

Rund 800 Skulpturen hat Werthmann insgesamt geschaffen, die höchste ist 17 Meter groß, die kleinste misst nur wenige Zentimeter. Zwar hat er darunter kein wirkliches Lieblingswerk, aber „Opus 111“ sei ihm schon „am liebsten und am gelungensten“. Die Arbeit hat bewusst denselben Namen wie Beethovens „zauberhafte Klaviersonate. Sie hat nur zwei Sätze“, schwärmt Werthmann, „wie meine Skulptur“, die ebenso dynamisch und abstrakt ist.

Gezeichnet hat Werthmann auch schon immer. Unabhängig von der Arbeit an den Skulpturen. Mehr als 1000 Bilder sind allein in den vergangenen fünf Jahren entstanden. Meist mit Pinsel und Tusche wie in der japanischen Kalligraphie. Erst im hohen Alter verlegt er sich ganz auf das Zeichnen, weil er das besser bewältigen kann. Bildhauerei ist eine körperlich anstrengende Arbeit, wie ein Blick in die Werkstatt mit ihrem schweren Gerät eindrucksvoll vor Augen führt. Weil er aber nach wie vor „etwas produzieren will, das meine Gedanken und Wünsche erfüllt“, lässt er nun zu, dass sich das Kunstwerk im Schaffensprozess verändert: „Es ist so schön, dass es überraschend verlaufen kann. Ich habe ein weißes Blatt Papier vor mir und lasse mich führen und verführen.“

Während des Zeichnens sei er völlig erstaunt über das, was er mache. „Als ob ich den Pinsel nicht mehr selbst führe. Ein spirituelles Vorgehen.“ Komplettiert wird das Oeuvre Werthmanns durch Druckgraphiken, die er zwischen 1956 und 1996 fertigt — „aber nur aus Spaß an der Freude“ entstehen beeindruckende Arbeiten, die bewusst in geringer Auflage vervielfältigt werden. Hat man nach so einem schaffensreichen Leben überhaupt noch Wünsche zum runden Geburtstag? „Ruhe wäre schon schön“, sagt Friederich Werthmann lächelnd.

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