Bayer-Zyklus: Mitreißende Klanggewitter am Klavier

Bayer-Zyklus: Mitreißende Klanggewitter am Klavier

Olli Mustonen begeisterte sein Publikum in der Stadthalle.

Wuppertal. Wenn Olli Mustonen die "Musiques d´enfants" von Sergej Prokofjew spielt, glaubt man tatsächlich, ein begabtes Kind am Klavier zu hören: So schlicht klingen die zwölf Kinderstücke, mit denen der Komponist 1935 den Weg der neuen Einfachheit beschritt.

Beim zweiten Konzert im Bayer-Klavierzyklus ist Mustonens Zugriff zu den bezaubernden Miniaturen ruppig, keinesfalls romantisch beseelt. Er spielt mit harten Kontrasten und eigenwilligen Phrasierungen. Gerade dadurch legt er versteckten Witz frei - etwa im holprigen Walzer oder beim wilden "Fangen spielen" - und zeichnet versponnene Klangbilder zu Tageszeiten und Wetterstimmungen.

Rodion Schtschedrin, Jahrgang 1932, zollt in seinen Präludien und Fugen Johann Sebastian Bach Respekt. Mustonen kennzeichnet die fünf Stücke durch sein Spiel: Als locker fließende Parlando-Passagen, als unentwegte Frage-Antwort-Spiele mit extrem sich steigernder Dynamik, als Klanggewitter über hallenden Liegetönen, mit voller Wucht und Attacke, die den Weltuntergang musikalisch beschreibt. In eine weit gesponnene Melodie könnte man sich meditativ versenken, störten nicht die kurzen, heftigen Skaleneinwürfe.

Olli Mustonen, der selbst auch komponiert und dirigiert, zelebriert den Zugriff auf die Klaviatur wie ein die Musik formender Dirigent: Er zeichnet die Bewegungen schon in der Luft vor, bevor die Finger die Tasten berühren. So modelliert er auch sein eigenes Werk, die Sonate "Jehin Iivana", die an einen finnischen Runensänger erinnern soll.

Über einer schlichten Grundmelodie erzählt die Musik vom erregten Leben in wilden Steigerungen, vom Leiden und Sterben mit abgehackten Glockenschlag-Akkorden. Als brillanter Techniker erweist sich Mustonen auch in Alexander Skriabins "12 Études" op. 8. "Stark ist, wer durch Verzweiflung gegangen ist und sie besiegt hat" - das ist seine Aussage, die über diesen Etüden stehen könnte: So sehnsuchtsvoll trauert die Musik, so energisch bricht sich angestaute Energie fast ekstatisch Bahn, setzen sich Tatkraft und Willensstärke durch. Das setzt Mustonen mitreißend um.

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