Kulturort Loch: Ausstellung zeigt persönliche Unorte, die wohl jeder kennt

Kulturort Loch : Ausstellung zeigt persönliche Unorte, die wohl jeder kennt

Das junge Künstlerkollektiv „Immer dann wenn Einfall“ bestreitet im Loch seine erste Ausstellung. Eine große Finissage steht am 28. Februar an.

Sie hängen in Reih und Glied an der Wand, sorgfältig gehäkelte Topflappen in blassen, langweiligen Farben. An Haken, wie sie jeder deutsche Baumarkt anbietet. Das Muster aber hat es in sich: Ein Hakenkreuz dominiert die quadratische Stoff-Fläche, entlarvt die spießbürgerliche Harmlosigkeit. Willkommen an einem von neun Unorten, die das junge Künstlerkollektiv „Immer dann wenn Einfall“ (IdwE) im Kulturveranstaltungsort Loch zusammengetragen hat. Die erste gemeinsame Ausstellung wird am 28. Februar mit einer großen Finissage beendet.

Es ist eine performative und installative Ausstellung. Eine die gerne um die Ecke denkt, dabei politisch und sehr persönlich ist. Sich erprobt, mit einfachen Mitteln arbeitet, immer wieder unfertig und auch unprofessionell wirkt. Entstanden, weil sich auf Initiative der Fotografin und Mediendesignerin Lina Weichold aktuelle und ehemalige Studierende der Bergischen Universität im vergangenen Jahr zusammentaten. Der 22-jährige Borys Mysakovych ist einer von ihnen: „Anfangs waren es an die 30, die sich immer wieder trafen, mittlerweile ist ein Kern aus elf geblieben“, erklärt er. Ihr gemeinsames Ziel: Austausch, größere Projekte, gegenseitige Unterstützung. Demokratisch ermittelte man das erste gemeinsame Thema. „Unort“ von Jonas Müller setzte sich durch. Der 21-Jährige kuratiert nun die Ausstellung. Die Nachwuchskünstler gingen ans Werk, ließen den anfänglich vor allem geographisch definierten Begriff bald hinter sich und entwickelten immer mehr sehr persönliche Unorte.

Seit Januar sind die Ergebnisse im Loch ausgestellt, partizipieren an der Beliebtheit des Veranstaltungsortes in zentraler Lage. Wer ihn betritt, wird von der in Dauerschleife laufenden Videoperformance „Fahrwasser“ oder „Lass mich“ von Lina Weichold empfangen. Zu sehen ist der Kopf der 34-Jährigen samt Taucherbrille, ihrer „rosaroten Brille“, an der immer wieder kräftig gerissen wird. Ein schmerzhaftes Erleben. Weichold: „Wir treffen nicht immer gut aufeinander. Die Welt, die Sicht und ich.“

Austausch, größere Projekte, gegenseitige Unterstützung

Ion Victor Ionut hat seinen Unort auf der Herrentoilette eingerichtet. Der 22-Jährige nutzt sie als Bühne für eine Installation, die vor allem aus Zetteln besteht, die an den Wänden einer Kabine hängen. Darauf sind selbstkritische, teils vernichtende Gedanken geschrieben – „Es ist ruhig genug, dass die Stille schreit“, meint er und lädt zum weiteren Kommentieren ein.

Vier kleine Kartons hat Ida Schiele in Augenhöhe an eine Wand montiert. Surreale Räume, die in Unordnung geraten sind, an denen etwas nicht stimmt. Regale kippen, Bänke haben keine Beine. Mit „Das Haus denkt mit“ verarbeite die 26-Jährige eigene chaotische Wohngemeinschaftserfahrungen, erklärt Mysakovych. Auch er trägt eine sehr persönliche Arbeit bei. Mit der Installation „Fliegenpilz Oder: Dreihundertzwanzig Kilometer weiter“ verarbeitet er eine „aus dem Ruder gelaufene Beziehung zu einer psychisch labilen Person“, erklärt er. Fast im Dunkeln sitzt der Betrachter auf einer Zweier-Couch, die bedrängend nah an der Wand steht, während vom Band die Stimme des 22-Jährigen zu hören ist, der die Geschichte erzählt.

Ein paar Meter entfernt hat Franziska Bruns einen riesigen weißen Würfel aufgestellt, durch ein kleines Loch schaut der Betrachter von oben hinein auf Dinge, die am Boden liegen: ein Zigarettenstummel, ein handbeschriebener Zettel. „Fundstücke von realen Unorten“, die helfen, „eine andere Perspektive einzunehmen“, so Bruns.

„Schnittstellen“ heißt die Bilderserie von Patrick Kaksic. Der 34-Jährige hat Computer („digitale Zugangspunkte“) und Pflanzen im Wohnbereich gemalt, vertraute Szenen, die im Detail Unstimmigkeiten bergen: Wenn Maus oder Rechner fehlen, eine Flasche überdimensioniert ist. Den Szenen zu Füßen umfasst der Grundriss eines Raums zwei mit Teppichen belegte Sitzkissen, auf denen der 26-jährige Benjamin Heitmann den „Schnittstellen zwischen dem Selbst und seinen symbolischen Formen, Selbsterfahrung und Welteinwirkung“ nachgeht. Während einer Performance nahm er mit Besuchern auf den Kissen Platz und legte ihnen die Karten.

Hanna Pauels’ Raum ist eine Umkleidekabine. Sämtliche innere Flächen sind mit vielen unterschiedlich großen, verschachtelt angebrachten Spiegeln versehen. Unterstützt von Inna Lipovets realisierte die 32-jährige Deutsch- und Lateinlehrerin die Installation „Katoptron“, ein hell erleuchteter Erfahrungsraum: Der Betrachter beobachtet sich, kann aber auch durch kleine Löcher von außen beobachtet werden.

Bleiben noch Maren Wendorffs Topflappen. Der persönliche Unort „Bösbürgerlich“ der 26-Jährigen ist die Lokalisierung eines rechtspopulistischen Unortes, sagt sie. Zwei Lappen wurden bereits von den Haken gestohlen. Warum auch immer.