100.000 Bücher: Wuppertal spielt in der oberen Kunst-Liga

100.000 Bücher: Wuppertal spielt in der oberen Kunst-Liga

Udo Garweg ist Hüter einer boomenden Fachbibliothek. Raritäten und Prachtbände füllen 2,4 Regal-Kilometer.

Wuppertal. Wäre Udo Garweg Fußballspieler, würde er jetzt aufsteigen und von vielen Zuschauern bejubelt. Dass er das nicht tut, sondern in seinem Büro im Von der Heydt-Museum sitzen bleibt, lässt ihn trotzdem nicht mit seinem Schicksal hadern. Im Gegenteil. Garweg ist ganz im Glück - weil er eben kein Fußballspieler, sondern Bibliothekar ist. Und auch als solcher kann man aufsteigen. Nur macht Garweg das heimlich, still und leise.

"Wir spielen jetzt im oberen Bereich der Liga", sagt der Diplom-Bibliothekar, der den Ball keinesfalls flach hält. "Es gibt nichts Vergleichbares in der Region." Gemeint ist die kunstwissenschaftliche Fachbibliothek, die NRW-weit nur von Düsseldorf und Köln getoppt werde.

Es ist nicht nur eine magische Zahl, es ist auch eine Bestätigung der eigenen Arbeit, die Garwegs Augen glänzen lässt: 100.000 Bücher zählt die Bibliothek seit kurzem. "Als ich 1986 hier angefangen habe, hatten wir 33.000 Bücher. Inzwischen haben wir den Bestand verdreifacht." Zu verdanken sei das vor allem "zwei rührigen Direktoren": Sabine Fehlemann und Gerhard Finckh haben die hasueigene Fundgrube durch persönliche Kontakte und Tauschgeschäfte mit anderen Museen bereichert. Ganz nach dem Motto: Gibst du mir deinen Katalog, gebe ich dir meinen.

Die Schenkungen aus privaten und öffentlichen Beständen sind sichtbarer Ausdruck eines praktischen Gebens und Nehmens. Mit 450 Institutionen tauscht das Museum regelmäßig Schriftstücke aus - rund um den Globus. Das zahlt sich vor allem für die eigenen Mitarbeiter aus, die für anstehende Ausstellungen recherchieren. Das kommt aber auch anderen zugute, denn die Präsenzbibliothek ist öffentlich. Schüler pauken für Referate, Studenten feilen an Doktorarbeiten, Museumsbesucher vertiefen ihr Wissen über einzelne Exponate.

"Viele sind auch an Preisen interessiert", wie Garweg feststellt. Wer ein Gemälde erbt, will wissen, welchen Wert es hat. Werksverzeichnisse können da wichtige Hinweise liefern. Doch egal, ob internationale Museen Fragen zu Wuppertaler Künstlern formulieren oder Erben einen konkreten Tipp haben möchten: Garweg hat (meistens) die passende Quelle. Und weiß: "Online-Recherche wird immer wichtiger. Aber ein guter Bildband ist immer noch besser als eine Bildquelle im Internet."

Seine "Kunden" können kopieren. Ausleihen dürfen sie nicht. "Auch das zeichnet unsere Bibliothek aus", betont Garweg. "Der Vorteil ist: Es gibt keine Wartezeiten wie in anderen Bibliotheken, die Bücher sind immer griffbereit." Apropos andere Bibliotheken: Auch rein rechnerisch hat sich Wuppertal gut positioniert. Zum Vergleich: Die Hamburger Kunsthalle kann auf rund 165.000 Bände zurückgreifen, die renommierte Kunst- und Ausstellungshalle Bonn "nur" auf 42.000 Bücher. Da hat Wuppertal weit mehr zu bieten - vor allem Künstler-Monographien, Kunstzeitschriften und Kataloge.

"Weil Kunstbücher oft nur in geringen Auflagen hergestellt werden, gibt es bei uns viele Schätzchen, die es nicht mehr zu kaufen gibt", betont Garweg. Dazu gehören Jugenstil-Bücher, die selbst kleine Kunstwerke sind, Prachtbände aus dem 19. Jahrhundert oder einer der ersten Blauer-Reiter-Kataloge. Raritäten also, die im Einzelfall nicht nur ein Stück (Kunst-)Geschichte dokumentieren, sondern zusammen auch 2,4 Regal-Kilometer füllen. Welcher Fußballer könnte schon behaupten, ein so großes "Spielfeld" zu haben?

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