Kultur im Einsatz gegen die Angst

Kultur im Einsatz gegen die Angst

Günther Weißenborn über seine neue Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ für Müllers Marionettentheater.

Am Anfang steht eine Idee, „man entzündet sich für einen Stoff“, erklärt Günther Weißenborn. Im Fall der Puppenspieler vom Neuenteich ist es Mozarts 1782 uraufgeführte „Entführung aus dem Serail“, die dieser „zur Abwehr von Ängsten vor der osmanischen Bedrohung deren Kultur vereinnahmt und zu einem wunderbaren Lustspiel verarbeitet hat“. Bei den Wei´ßenborns rührt es auch noch an die eigenen Wurzeln: Vor 35 Jahren war es das erste Stück ihres Müllers Marionettentheaters. Die Jubiläums-Premiere ist für den 10. November terminiert. Gerade wurde das Thema Bühnenbild geklärt, noch gibt es viel zu tun.

Das Thema treibt den Operndramaturgen um: „Es gibt kein aktuelleres Stück, wenn ich mir vorstelle, wie brutal Krieg geführt wurde“, sagt Weißenborn mit Blick auf die Türkenkriege, die gerade im 18. Jahrhundert heftig tobten. „Das Ausbluten eines Volkes“ erinnert den 66-Jährigen an 1945, als nach dem Zweiten Weltkrieg „keine jungen Männer mehr da waren“. Und an den islamistischen Terror von heute. Etwa an die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram, die 2014 mehr als 200 Schülerinnen verschleppte.

Die verschiedenen Zeitebenen sollen im Marionettentheater gleichzeitig erzählt werden: In einem weißen Bühnenbild agieren die Puppen nach Mozarts „Drehbuch“, während Fotos mit IS-Kämpfern oder vollverschleierten Frauen eingeblendet werden — als deutliche, selbstkritische Anmerkungen zur Zeitdimension. Zur Bildsprache kommt die Körpersprache der Puppen: Bis zu 17 Fäden sind im Einsatz, um Hände, Popo, Knie oder Kopf sorgsam zu bewegen. Gezappelt wird nicht, Weißenborn bevorzugt die zurückhaltende, aber deutliche Erzählweise. Und die Musiksprache. Die Wahl fiel auf Eugen Jochums Serail-Aufnahme von 1965 mit Fritz Wunderlich und Erika Köth, die digital aufbereitet in Wuppertal über eine brandneue Surroundanlage zu hören sein soll. „Das klingt fantastisch, die Stimmen passen wunderbar zu den Marionetten“, freut sich Weißenborn. Dialoge braucht es da nicht mehr.

Etwa drei Monate wird eine Inszenierung intensiv vorbereitet, von den ersten Skizzen, über die erste Hauptprobe, bei der alle Probleme auf den Tisch kommen, bis zur Generalprobe mindestens zwei Tage vor der Aufführung. Wie gut, dass die Puppen für Mozarts Singspiel bereits vorhanden sind und „nur“ neu eingekleidet werden müssen.

Besonders wichtig ist auch die Beleuchtung: 62 Scheinwerfer tauchen die fünf Meter breite und 1,60 Meter tiefe sowie 1,30 Meter hohe Bühne in immer wieder anderes Licht. „Wir leuchten wie ein Opernhaus, wir holen unsere Anregungen auch dort oder im Theater, denn: Wir wollen sehen, was die Besten machen. Das ist unsere Herausforderung.“

Eine Herausforderung ist sicherlich auch das Puppenspiel selbst: „Man braucht schon gute Kondition und viel Willen“, sagt Weißenborn. Fünf Personen bewegen die „Serail-Puppen“ um Konstanze und Belmonte. Da muss jeder mehrere Rollen übernehmen, bestimmte Bewegungen binden auch zwei Kräfte. Im Einsatz sind „seit vielen Jahren sorgfältig aufgebaute Puppenspieler“, betont Weißenborn, der sich mittlerweile auf die Technik konzentriert. Die erste Aufführung 1983 war eher komisch angelegt, „jetzt kommt eine völlig andere“.