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Krebs: Zu viel blauer Dunst gefährdet die Wuppertaler

Krebs: Zu viel blauer Dunst gefährdet die Wuppertaler

Dr. Jörg Rieger, Leiter des Gesundheitsamts, im Gespräch zum jetzt vorgelegten Krebsbericht.

Herr Dr. Rieger, Sie haben die NRW-Daten zu Krebserkrankungen überarbeitet und für Wuppertal ausgewertet. Gab es überraschende Erkenntnisse?

Dr. Jörg Rieger: Auffällig ist die landesweite Zunahme der Fälle von Hauttumoren. Die Zahl der Erkrankungen ist bei Männern in der Zeit von 2003 bis 2009 um das Dreifache gestiegen, bei Frauen sogar um das Vierfache. Es war abzusehen, dass die Zahlen steigen würden — aber in diesem Ausmaße, das hätte ich nicht gedacht.

Was ist zu tun?

Rieger: Aufklärung und Prävention könnten deutlich verstärkt werden — bekanntermaßen steht die Entstehung von Hauttumoren häufig in Zusammenhang mit Sonneneinstrahlung. Vor diesem Hintergrund müssten Sonnenstudios noch viel kritischer gesehen werden. Ich denke, da könnte das Land tätig werden, denn die Ergebnisse sind alarmierend — und zwar überall in NRW.

Wie sehen Sie Wuppertal insgesamt, beispielsweise im Vergleich zu Remscheid und Solingen?

Rieger: In Wuppertal liegt die Zahl der Krebsfälle nicht maßgeblich über dem Landesdurchschnitt und es bestehen insgesamt auch keine großen Unterschiede zu Remscheid und Solingen. Bei einzelnen spezifischen Erkrankungen ergeben sich jedoch Unterschiede.

Zum Beispiel?

Rieger: Die Zahl der Krebserkrankungen im Mund- und Rachenraum ist in Wuppertal vergleichsweise hoch.

Woran liegt das?

Rieger: Für die Entstehung von Krebs sind fast immer mehrere Faktoren verantwortlich. Beim Mund- und Rachenraumkrebs addiert sich das Risiko von Alkohol und Rauchen nicht nur — es steigt exponential. Das gilt auch für viele andere Krebsarten.

In Wuppertal wird demnach mehr geraucht als anderswo?

Rieger: Und eventuell auch getrunken. Man kann es nicht oft genug sagen: Die Kombination von Zigarettenrauchen mit übermäßigem Alkoholkonsum ist besonders problematisch. Anhand der sogenannten Gesundheitsindikatoren des Landes lassen sich Rückschlüsse daraus ableiten, dass das Rauchverhalten in Wuppertal offenbar deutlich über dem Durchschnitt liegt. Das dürfte mit eine Ursache für erhöhte Erkrankungs- und Sterblichkeitsraten sein.

Gibt es eine Erklärung?

Rieger: Unter anderem kommt hier wohl die Sozialstruktur zum Tragen: Es ist bekannt, dass in sozial schwächeren Kreisen mehr geraucht wird als in wohlhabenderen Schichten.

Dann müsste Düsseldorf ja besser dastehen.

Rieger: So ist es auch. In Düsseldorf ist die Erkrankungs- und Sterberate deutlich geringer als in Wuppertal und im Ruhrgebiet. Ich denke allerdings, dass die weiterhin erhöhten Erkrankungszahlen in den Industriestädten noch aus früheren Zeiten stammen, in denen dem Umweltschutz noch kein großer Wert beigemessen wurde. Zwischen den Zellschädigungen und dem Ausbruch der Krebserkrankung können Jahre bis Jahrzehnte liegen.

Gehen die Wuppertaler vielleicht auch zu spät zur Früherkennung?

Rieger: Das Problem bei Erkrankungen wie Lungenkrebs oder Krebs im Mund- und Rachenraum ist, dass sie oft relativ spät diagnostiziert werden und sich dann unter Umständen schon Metastasen gebildet haben.

Was ist zu tun?

Rieger: Auch hier gilt es, mehr Präventionsarbeit zu leisten. Ein Ansatz wäre, beispielsweise Zahnärzte noch stärker zu sensibilisieren, auf Auffälligkeiten zu achten. Viele machen das ja schon.

Zeigen sich umgekehrt Erfolge von Präventionsanstrengungen in den Daten, Stichwort Brustkrebs?

Rieger: Bei der Erkrankungsrate eher nicht, doch die Brustkrebssterblichkeit ist zurückgegangen, das sieht man an der Statistik. Das mag mit besserer Vorbeugung zu tun haben.

In Wuppertal wird ja auch viel über Umwelteinflüsse wie Feinstaub, Asbest oder Schimmel diskutiert.

Rieger: Es gibt Kommunen, in denen die Feinstaubwerte deutlich höher liegen als in Wuppertal. Ein direkter Zusammenhang mit Krebserkrankungen ist im Einzelfall nur schwer herzustellen. Ohnehin lässt sich später kaum mehr differenzieren, ob Feinstaub, Rauchen, Alkohol oder wiederum verschiedene Faktoren in Kombination gewirkt haben. Manchmal können 20 und mehr Jahre vergehen, bis sie zum Tragen kommen. Krebs ist vor allem auch eine Erkrankung des Alters.

Man kann anhand der Zahlen also keine Aussage darüber treffen, ob Wuppertal nun ein „gesunder“ Wohnort ist?

Rieger: Nein. Bei den Daten hat mich überrascht, wie groß die Schwankungen sind, was zeigt, wie groß der Einfluss des Zufalls auf die Zahlen ist. Ob man erkrankt oder nicht, das ist in erster Linie abhängig vom eigenen Lebensverhalten. Krebserkrankungsraten — soweit sie beeinflussbar sind — hängen sehr vom individuellen Gesundheitsverhalten ab. Wer raucht und trinkt, wird auch in der gesündesten Umgebung nur ein geringfügig geringeres Risiko haben an Krebs zu erkranken, als hier in Wuppertal. Es besteht keinerlei Grund, der Zahlen wegen die Sachen zu packen und aufs Land zu ziehen.