Kostenexplosion: Wuppertaler Engelszentrum steht auf der Kippe

200 Jahre Friedrich Engels : Kostenexplosion: Engelszentrum steht auf der Kippe

Die Stadt rechnet mit einer Steigerung von vier Millionen Euro. Kämmerer Slawig sieht außerdem den Zeitplan gefährdet. Der Rat soll im Juli über die Zukunft des Projektes debattieren.

Die Kosten steigen, die Finanzierungslücke wird stetig größer, und Wuppertals Kassen sind leer. Nun will Stadtkämmerer Johannes Slawig (CDU) auf die Bremse treten. Den Finanzausschuss hat er bereits informiert. Im Juli soll der Rat neue Beschlüsse fassen. Das Engelszentrum in Barmen steht auf der Kippe. Denn derzeit ist vollkommen offen, wie die Mehrkosten finanziert werden sollen. Vier Millionen Euro reißen demnach ein kaum zu schließendes Loch.

Dabei ist das voraussichtlich nun etwa 14 Millionen Euro teure Engelszentrum nicht das einzige Projekt, das gegen die allgemeine Baukostensteigerung um sein Überleben kämpft. An der Nevigeser Straße soll eine Mehrfachturnhalle entstehen. Erste Ausschreibungen verliefen erfolglos. Wenn ein Bauunternehmen gefunden wird, dann vermutlich zu höheren als den bisher geplanten Summen.

Akut aber ist die Gefahr für das Engelszentrum. Es soll im November nächsten Jahres eröffnet werden und das China-Begegnungszentrum beinhalten. Aus diesem Grund wird es von der Abteilung Außenwirtschaft des NRW-Wirtschaftsministeriums mit fast fünf Millionen Euro unterstützt. Dieses Geld fließt nach Düsseldorf zurück, wenn Wuppertal nichts baut.

„Das habe ich in 20 Jahren so noch nicht erlebt“, sagt Slawig. Die Baukostenexplosion stellt Kämmerer vor allem finanzschwacher Städte vor immense Probleme. Dabei hat Slawig schon mit den laufenden Baumaßnahmen erheblich zu kämpfen. Derzeit investiert Wuppertal etwa 35 Millionen Euro in den Hochbau und 43 Millionen Euro in den Tiefbau. Bei einer allgemeinen Baukostensteigerung von derzeit sechs Prozent im Jahr macht allein das schon mehr als vier Millionen Euro aus.

SPD-Fraktionschef Reese erwartet Lösungsvorschläge von der Stadt

Bei dem, was da noch kommen soll, kann dem Stadtkämmerer angst und bange werden. Allein für den Schulbau sind in den nächsten zehn Jahren 450 Millionen Euro vorgesehen. Verglichen damit ist das Engelszentrum eine kleine Baustelle. Aber auch dessen Mehrkosten schmerzen, und bei einem weiteren Projekt weiß auch noch niemand, ob die Planungen der Entwicklung standhalten. Das Freibad Mählersbeck soll für neun Millionen Euro erneuert werden. Der städtische Anteil von fünf Millionen Euro ist dank Vorsteuerabzügen laut Slawig gesichert.

Für das Engelszentrum ist in der bisher geplanten Variante hingegen noch kein weißer Rauch in Sicht. Hier teilen sich die Mehrkosten von bis zu vier Millionen Euro so auf, dass zwei Millionen Euro auf die allgemeine Kostensteigerung entfallen. Eine Million Euro beruht auf einem Rechenfehler des Architekten, der in Regress genommen werden soll. Und allein knapp 300 000 Euro sind für ein Becken erforderlich, das im Falle von Starkregen Wasser aufnehmen soll (die WZ berichtete). Das Engelszentrum liegt unterhalb der Wupper und ist somit überflutungsgefährdet. Dieses Problem ist erst mit dem schweren Unwetter im vergangenen Jahr aufgetaucht.

Für den Fraktionsvorsitzenden der SPD im Stadtrat, Klaus Jürgen Reese, steht das Engelszentrum nebst China-Begegnungszentrum nicht zur Disposition. „Ich erwarte von der Stadtverwaltung Lösungsvorschläge“, sagt er. „Das ist die Chance, auf die wir seit Jahren warten, das Engelszentrum aufzuwerten“. Dem habe es in der Vergangenheit an Resonanz gefehlt. „Das ist weit unter Wert gelaufen.“ Dennoch gibt es für Reese nicht die Wahl zwischen dem Engelszentrum und dem Freibad Mählersbeck in Nächstebreck. „Auch dort werden wir weiterkommen müssen“, fordert der Fraktionschef.

Für Oberbürgermeister Andreas Mucke (SPD) sind die Würfel noch nicht gefallen. Er hat eine aktuelle Auflistung sämtlicher Kostensteigerungen bei städtischen Bauvorhaben angefordert. „Die wollen wir uns erst einmal ansehen“, sagt er. Eine Frage sei, ob das Museum für Frühindustrialisierung auch anders so hergerichtet werden kann, dass es besser funktioniere.

Ob der jüngsten Entwicklung nun der geplante Verbindungsbau zwischen Engelshaus und Museum zum Opfer fallen wird, muss letztlich der Stadtrat entscheiden. Das soll aller Voraussicht nach im Juli geschehen, wenn über Geld gesprochen wird. Aber die Zeit läuft. Schon jetzt sieht Slawig den geplanten Eröffnungstermin am 28. November nächsten Jahres als extrem gefährdet an. Das Haus soll zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels 2020 mit ganz großem Bahnhof in Betrieb genommen werden. Das ganze Jahr bis dahin feiert Wuppertal seinen berühmten Sohn. Die Schirmherrschaft über das Engelsjahr hat Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) übernommen.

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