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Kolumne: Uwe Becker über Abstand halten im Kino

Uwe Becker : Abstandhalten im Kino

Kolumnist Uwe Becker über seine Wehrpflicht, Terrorismus und Kino-Erlebnisse in Wuppertal.

Als ich das letzte Mal einen Film im Autokino sah, war Willy Brandt noch Bundeskanzler. Es muss während meiner Wehrdienstzeit in Norddeutschland gewesen sein. Wir sahen William Friedkins ‚Der Exorzist’. Damals wurden noch kleine Lautsprecher in die Seitenfenster eingehängt. Der Eisverkäufer kam zum Wagen.

Die Zeit beim Bund habe ich mir im Nachhinein schöngeredet. Weil ich dort das Schießen und das Werfen von Handgranaten perfekt erlernt hatte, dachte ich mir, die dort erworbenen Fähigkeiten könnte ich später im bewaffneten Untergrund prima gebrauchen. Ich verzichtete später auf den Terrorismus, weil ich nicht in die Situation kommen wollte, vor der Polizei weglaufen zu müssen. In der Regel wird man eh eingeholt, umgestoßen, zu Boden gedrückt, fixiert und verhaftet, was nur Kummer und Ärger bereitet. Man kann natürlich auch Glück haben, wenn ein unbeweglicher, leicht übergewichtiger Polizist die Verfolgung aufnimmt, so wie Dietmar Bär, der Kölner ‚Tatort-Kommissar‘, der viele Jahre hier in Wuppertal gelebt hat, dann würde eine Flucht eventuell eher gelingen. Die Vorstellung, in einem Hochsicherheitsgefängnis inhaftiert zu sein, beängstigte mich aber sehr, auch weil meine Eltern dann viel geweint hätten. Nein, nein, ich stehe bis heute mit beiden Füßen fest auf dem Grundgesetz.

Der Schauspieler Dietmar Bär wohnte damals übrigens in der Luisenstraße, im selben Haus, in dem bis heute auch die Gaststätte Katzengold beheimatet ist, in der ich damals als Koch tätig war. Für Dietmar Bär habe ich zu dieser Zeit oft die Mülleimer rausgestellt, weil er es hin und wieder vergaß. Nachtragend bin ich aber nicht, zumal er mir hierfür auch ab und zu ein Bier ausgab. Als Schauspieler hat man natürlich auch einiges um die Ohren. In einem normalen Kino habe ich Dietmar Bär öfters auf der Leinwand bewundern können, im Autokino noch nicht. Ich will auch nicht hoffen, dass man Autokinos noch sehr lange benötigt.

Meinen ersten Kinofilm sah ich als kleiner Bub im Fita-Palast in Barmen: ‚Lassie“, ein Film über die Abenteuer einer treuen Collie-Hündin. Im Fernsehen lief dazu auch eine Serie. Kino war großartig. Mir gefiel es, dass die Leinwand tausendmal größer war als ein Fernsehbildschirm. Ärgerlich waren die Altersbeschränkungen. Man konnte es kaum erwarten, endlich 12 Jahre, später 16 Jahre alt zu werden. Und irgendwann durfte man in jeden Film. Als ich es einmal mit 15 Jahren in einen Film geschafft hatte, der eigentlich erst für 16-Jährige zugelassen war, kam ich mir leicht kriminell vor. Das schlechte Gewissen reichte aber nicht, um es Vater oder Mutter zu beichten.

Mit Freunden besuchten wir oft den Odin-Palast am Wupperfelder Markt, ein wunderbares altes Kino, das Oberbürgermeister Gottfried Gurland (SPD) 1972 in die Luft sprengen ließ. Als wir, zwei Freunde und ich, dort einmal einen Kinobesuch planten, mussten wir zunächst einen Kumpel überreden mitzugehen, da er den vorgeschlagenen Film nicht unbedingt sehen wollte, weil er nicht wusste, ob er ihm gefallen würde. In Wahrheit war er ein bisschen geizig oder sagen wir sparsam. Irgendwie schafften wir es, ihn zu überzeugen. Nach der Vorstellung zog er eine beleidigte Schnute. Er schilderte seine Enttäuschung und sprach von einer großen Fehlinvestition. Dann machte er uns den Vorschlag, wir sollten ihm den Eintritt von 2 Mark 50 erstatten. Wenn wir es nicht sofort zahlen könnten, bot er uns eine Ratenzahlung an. Wir überlegten kurz, lehnten seinen Vorschlag aber ab. Soweit ich mich erinnern kann, gingen wir in dieser Konstellation nicht mehr zusammen ins Kino. Allerdings später in Wirtshäuser und Discotheken.

Irgendwann werden wir alle wieder in gut gefüllten Kinos sitzen. Aber das wird noch dauern. Um 1976 sah ich im Fita-Palast Pier Paolo Pasolinis höchst umstrittenes Meisterwerk ‚Die 120 Tage von Sodom‘. Im größten Saal des Hauses verloren sich gerade mal zehn Zuschauer, die während des Films einer nach dem anderen irritiert das Kino verließen. Am Ende saß ich im riesigen Kinosaal mutterseelenallein in Reihe 19. Mehr Abstand halten ging nicht.